Monat: Februar 2012

Die Strategien der Sinti, Roma und Jenischen im Umgang mit der Mehrheitsgesellschaft

Selbstorganisation und Selbsthistorisierung

Die Strategien der Sinti, Roma und Jenischen im Umgang mit der Mehrheitsgesellschaft

Was nicht schriftlich festgehalten wird, gilt als nicht historisch verbürgt. Oder umgekehrt: Schriftliche Quellen gelten als gesichert. Wissen und Geschichte, die nicht auf Schriftlichkeit basieren, haben es ungleich schwerer, wahrgenommen zu werden: Sie werden häufig in den Bereich des Spekulativen, Unbekannten, Fremden verschoben. Dies gilt vor allem für jene sozialen Gruppen und Gesellschaften, die Wissen ausschließlich mündlich weitergegeben haben. Bei den ursprünglich fahrenden Stammesgesellschaften der Sinti, Roma und Jenischen ist Geschichte mündlich, in und durch Geschichten erhalten worden. Wissen, Fertigkeiten, Traditionen, Musik etc. werden vor allem an Gruppenmitglieder weitergegeben. Wissen um die Kultur und Geschichte im Gedächtnis zu tragen, ist ein zentrales Element der oralen Tradition – und diese spielt noch immer eine tragende Rolle in der Alltagskultur der Sinti, Roma, Jenischen.

Seit den ersten schriftlichen Quellen über diese Fahrenden – ab ca. 1418 – und bis zum Auftauchen der ersten eingetragenen Vereine von Sinti, Roma, Jenischen ab Mitte der 1970er Jahre – über 500 Jahre lang – erstreckt sich eine lange Zeit, in der ihre Selbstorganisation nicht dokumentiert ist. Eine Schlussfolgerung wäre, dass diese sozialen Gruppen vollkommen unorganisiert waren. Immerhin galten sie als “Zigeuner” und “Landfahrer”. Im Mittelalter wurden sie als “vogelfrei”, als Hexer und Ketzer gesehen. Später galt ihre Lebensform als provokant antibürgerlich, als “asozial”, und ihre Strategien für die Begegnungen mit feindlichen Behörden wurden als eine ganz eigene Gleichgültigkeit gegenüber allen bürokratischen Vorschriften verstanden.

Unorganisiert waren sie trotz dieser Stereotype nicht. Sie hätten sonst durch all diese Jahrhunderte hindurch nicht überlebt: Denn in diesem Zeitraum fanden Revolutionen statt, Nationalstaaten wurden blutigst gebildet, die bürokratische Kontrolle wurde mehr und mehr ausgebaut, der Begriff Heimat gewann an Bedeutung, und einige Kriege, darunter zwei Weltkriege, wurden geführt. Die wichtigste soziale und kulturelle Instanz der Sinti, Roma und Jenischen in diesen bewegten bzw. bedrohlichen Zeiten war die Großfamilie, in der die Autorität bei alten Männern und Frauen lag. Alles, was es zu regeln galt, wurde innerhalb der Sippe geregelt.

Neben der Familie war die Kumpania eine zentrale Form der Selbstorganisation der Roma, Sinti und Jenischen. Die Kumpania ist ein zeitweiliger Zusammenschluss von Vertreter_innen, der verschiedene Familien und Sippen angehören, zu einem gemeinsamen Vorhaben. Die Inhalte der stattgefundenen Kumpanias sind nicht schriftlich festgehalten: In einer mündlichen Kultur gilt das gesprochene Wort – nicht zuletzt, weil es so nicht in falsche Hände gelangen kann. Die alte Form der Selbstorganisation wurde also nicht “buchhalterisch” erfasst, das Wissen darüber blieb in den erzählten Geschichten aufbewahrt. Doch durch die nationalsozialistische Deportation und Ermordung ganzer Großfamilien, Sippen und Clans wurde die Kumpania, ebenso wie weitere Traditionen, etwa Musik und Erzählkunst, in weiten Teilen zerstört und vernichtet.

Heute, mehr als 60 Jahre nach dem Ende der Nazi-Schreckensherrschaft, greift der Verlust der Muttersprache, der Musik, des Wissens um die Heilkunst und der Tradition des Geschichtenerzählens weiterhin tief in den Alltag und die Lebenswirklichkeit der Sinti, Roma und Jenischen ein. Der Verlust an Menschen, Tradition, Kultur und somit Identität wirkt im Zusammenspiel mit dem später eingesetzten und bis heute andauernden Assimilationsdruck nachhaltig.

Widersprüche der Selbstorganisation

Der Prozess einer postnazistischen, europäischen Roma-Selbstorganisation hatte seinen Ausgangspunkt in Frankreich. Im Jahre 1952 gründete Ionel Rotaru in Paris das Roma-Weltkomitee (CMG), in dem, der Tradition der Kumpania entsprechend, französische Roma, Manouche und Calé gleichermaßen vertreten waren. Der erste Welt-Roma-Kongress fand trotzdem erst 20 Jahre später, am 8. April 1971, in London statt. Im Rahmen des Kongresses einigten sich die Teilnehmer_innen auf den Überbegriff “Roma” und legten eine gemeinsame Fahne fest.

Im Geist der Bürgerrechtsbewegungen der 1970er Jahre bildeten die europäischen Sinti, Roma und Jenischen zahlreiche Interessengemeinschaften. Im Gegensatz zu früheren Formen der Selbstorganisation stellten sich in dieser Phase die Frage der Rechtsform und damit auch die Frage der Schriftlichkeit. Denn die bürgerliche Administration erfordert, dass alles schriftlich belegt wird. Im Rahmen dieser Bewegung wurden Vereine gegründet, Statuten ausgearbeitet und das Vereinsrecht und die Vereinspolizei, die es in Österreich tatsächlich gibt, erkundet. Auf diese Weise bedienten die neuen Vereine eine umfassende Bürokratie, um das Ziel der Selbstrepräsentation zu erreichen. Die Selbstorganisation der verschiedenen Gruppen in den 70er Jahren bedeutete so eine grundsätzliche Abkehr von dem Selbstverständnis der Kumpania.

Eigentlich paradox: Denn der Wandel, der der Gründung der Roma-Vereine zugrunde lag, war der Wunsch, sich selbst als Sinti, Roma, Jenische nicht (mehr) zu verleugnen, sich nicht mehr an die jeweilige Mehrheitsgesellschaft anpassen zu müssen. Gerade diese Vereine forderten von der Mehrheitsgesellschaft die Anerkennung und den Respekt gegenüber den Sinti, Roma und Jenischen. Um dies überhaupt zu fordern, mussten die Interessengruppen jedoch erst die juristischen Formen der bürgerlichen Gesellschaft übernehmen.

Zusätzlich gab es auch die Herausforderung, die Geschichte und Kultur der Roma von innen her zu beschreiben und sie für die Nicht-Roma zugänglich zu machen. Dieses Zugänglich-Machen stellte für viele – und nicht nur für die traditionellen – Roma, Sinti, Jenischen ein Problem dar. Nicht nur, weil damit ein Tabubruch verbunden war. Auch wegen des fest verankerten Misstrauens und der Furcht vor dem geschriebenen Wort – zumal es als administratives Papier daherkam.

Festzuhalten bleibt, dass sich mehrheitlich konservative und patriarchale Inhalte durchsetzten. Dennoch, die Widersprüchlichkeiten blieben. Zwar haben die Roma-Vereine viel dazu beigetragen, dass die Akzeptanz der Roma in der Gesellschaft sich teilweise gebessert hat. Gleichzeitig trägt der – nennen wir ihn so – männliche Konservatismus in diesen Vereinen nach wie vor dazu bei, dass die Wahrnehmung der Roma in der Mehrheitsbevölkerung im Klischeehaften und Traditionellen verharrt.

Gemeinsame Positionen, Differenzierungen und Abgrenzungen

Die Frage der Selbstorganisation ist eng verbunden mit der Frage der Solidarität bzw. Abgrenzung. Die verschiedenen Roma-, Sinti- und Jenischen Vereine bzw. Interessenvertretungen sind sich über ihre gemeinsame europäische Identität einig. Diese Gemeinsamkeit hielt jedoch viele Vereine nicht davon ab, ihre Rechtsform auf nationale Zugehörigkeit aufzubauen (z.B. Sinti in Deutschland). Damit grenzen sich manche Vereine etwa von den “eingewanderten” Roma aus Südosteuropa ab. Solche Differenzierungen legen eine Reihenfolge fest und kommen nicht umhin, eine Rangordnung zu betonen. In der Fremdwahrnehmung werden diese Differenzierungen als Uneinigkeit unter den Roma, Sinti und Jenischen bzw. als Unorganisiertheit ausgelegt. Paradoxerweise wird dadurch sowohl Einigkeit wie Differenziertheit unter dem Schlagwort der “Unorganisiertheit” subsumiert. Dadurch werden alte Vorurteile neu gewälzt.

Eine breit geteilte Position ist auch, dass ohne das Wohlwollen der Mehrheitsgesellschaft kaum etwas bewegt bzw. erreicht werden kann. Um die ohnehin nicht reichlich vorhandenen Sympathien nicht gänzlich zu verlieren, werden dann leider doch zu gerne und oft die alten Klischees von “Zigeunermusik und -romantik” vorgeführt. Ohne “feurige” Musik sei auch anno 2012 kaum ein Roma-Anliegen durchzubringen, meinen viele politische Roma-Vertreter_innen.

Am Beispiel der 1975 in der Schweiz gegründeten Radgenossenschaft der Landstrasse lassen sich diese Ambivalenzen gut erkennen. Dabei handelt es sich um eine neutrale, unkonfessionelle Vertretung, die sich u.a. für Gewerbefreiheit, das Recht “auf Niederlassungsfreiheit oder Arbeit und Bildung innerhalb der angestammten Lebensweise” einsetzt. Die Radgenossenschaft der Landstrasse entstand aus dem jenischen Widerstand gegen die menschenverachtenden Praktiken des “Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse”: Zwischen 1926 und bis in die Mitte der 1970er Jahre nahmen die Behörden systematisch jenische Kinder von ihren Familien weg, um sie nach eigenem Vorbild fern des “Familienbetriebs” im “Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse” zu erziehen. Aber bei öffentlichen Veranstaltungen repräsentiert werden dann lieber doch die alten, heilen Welten, als die Pferde noch die Planwägen zogen.

Die Radgenossenschaft ist eine der zahlreichen nationalen und regionalen Organisationen, die dem Dachverband der wichtigsten internationalen Interessenvertretung angehört: Die Internationale Roma Union (IRU) wurde 1978 beim zweiten Welt-Roma-Kongress in Genf gegründet. Als NGO mit konsultativem Status gehört die IRU seit 1979 dem Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen an und berät auch die UNESCO. Seit 1986 ist sie Mitglied von UNICEF.

Radikalere bzw. progressivere Positionen der Selbstrepräsentation lassen sich vor allem in der Arbeit einiger freien Künstler_innen finden. Die jenische Lyrikerin Mariella Mehr und die Romni-Filmemacherin Marika Schmiedt wären hier zu nennen. Beide geben Einblicke in die Gesellschaft und Kultur der Sinti, Roma und Jenischen. Sie thematisieren in ihrer Arbeit die Zerstörung der eigenen sozialen Strukturen. Solch schonungslose Einblicke zu gewähren, ist ein wirksamer Weg um zu verhindern, dass sich die Vergangenheit in der Zukunft wiederholt. Doch das, was in der Kunst stattfindet, muss nicht zwangsläufig in der Realität funktionieren. Als Fiktion oder Vision sind sie trotzdem von enormer Wichtigkeit.

Social media oder die neue Kumpania

Eine neue und intensiv genutzte Plattform der Roma-Selbstorganisation bietet inzwischen das Internet. Die neuen Kommunikationstechnologien und vor allem die social media haben dafür gesorgt, dass sich Roma, Sinti und Jenische über die nationalen Grenzen hinweg vernetzen. Das Internet ist in gewisser Weise das postmoderne Pendant zu dem vormodernen Marktplatz: Auf beiden tummeln sich die “Fahrenden” bzw. deren Nachfahren im 21. Jahrhundert. Die Internet-Foren, Chats und Communities erinnern durchaus an die alte Form der Kumpania. Sie erfüllen aus minderheitspolitischer Sicht ihren Zweck: den Zusammenschluss verschiedenster “Stämme”.

Die Kehrseite der Internet-Kommunikation ist natürlich das, was der Philosoph Jean Baudrillard bereits 1982 als “die Ekstase der Kommunikation” vorausgesagt hat. Dieser hyperaktive Zustand des permanenten Kommunizierens treibt – auf den virtuellen Marktplätzen – mitunter schauderliche Blüten der Selbstdarstellung. Und bei aller digitaler Offenheit wird dann oft auch nicht mehr gezeigt als die Oberflächen der altbekannten Stereotypen.

http://www.migrazine.at/node/662

Tschechien: Wieder Brandanschlag auf Roma / Czech Republic: Yet another arson attack on a building with Romani tenants


Februar 27th, 2012

In der Nacht zu Sonntag wurde in der Tschechischen Republik neuerlich ein Brandanschlag auf Roma verübt: In der westböhmischen Kleinstadt Aš / Asch, nahe der tschechisch-deutschen Grenze, haben zwei noch unbekannte maskierte Täter gegen halb drei Uhr morgens Brandsätze auf ein Roma-Wohnheim unweit des Bahnhofs geworfen; verletzt wurde jedoch niemand. Das Feuer konnte von den Bewohnern selbst gelöscht werden. In dem Gebäude wohnen laut Romea.cz neben zwei Roma-Familien auch einige Nicht-Roma-Arbeiter. Die Kriminalpolizei hat die Ermittlungen aufgenommen und geht Pressemeldungen zufolge von einem Anschlag mit rassistischem Motiv aus. Zusätzliche Polizeibeamte wurden für die nächsten Tage zur Beobachtung der Lage nach Aš beordert. Dalibor Blažek, der Bürgermeister der Stadt, betont gegenüber der Presse, dass es in der Stadt keinerlei Konflikte zwischen den Roma-Familien und Nicht-Roma gegeben habe. Er hält daher einen anderen als rassistischen Hintergrund oder eine Tat rechtsextremer Täter von außerhalb für wahrscheinlich.
In den letzten Jahren kam es in der Tschechischen Republik wiederholt zu Anschlägen auf die Häuser von Roma-Familien. Der bekannteste Fall ereignete sich im April 2009 in Vítkov (Bezirk Opava), wo vier rechtsextreme Täter mehrere Molotowcocktails in ein kleines Wohnhaus warfen und drei Personen verletzten, am schwersten ein Kleinkind, das nur knapp überlebte. Vergangenen März wurden die Täter zu 20 bzw. 22 Jahren Haft verurteilt.

(Text: dROMa-Red.)

Czech Republic: Yet another arson attack on a building with Romani tenants

http://www.romea.cz/english/index.php?id=detail&detail=2007_3189

Angst ist Alltag für die Roma in Varnsdorf

Hassaufmärsche in einer tschechischen Kleinstadt
Von Till Mayer

Seit Monaten herrscht regelmäßig Belagerungszustand vor dem ehemaligen Hotel »Sport«: Roma im tschechischen Varnsdorf verbarrikadieren sich in dem Gebäude, draußen marschieren die Ultrarechten auf. Angst haben die Belagerten auch vor Hasstouristen aus dem Ausland – den Neonazis aus Deutschland.

Die Angst treibt seltsame Blüten: Die Kinder aus dem »Sport« spielen nach, was sich vor ihrer Tür ereignet: »Demonstranten und Polizei«. »Zigeuner ins Gas« rufen sie dann, weil sie es schon viel zu oft gehört haben.
Beim ersten Mal ging Julius Danko noch ans Fenster. »Hört auf! Wisst ihr eigentlich, was ihr da sagt«, rief der 49-Jährige den Kindern zu. Die spielten »Demonstranten und Polizei« unten im Hof. Vor den grauen Mauern des abgelebten ehemaligen Hotels. Vor dem zugemauerten Tor auf rissigem Beton. Zuvor hatten sie ausgelost, wer Demonstrant sein muss. Wer will schon den »Bösen« spielen? Auch wenn man dabei aus vollem Hals krakeelen kann. Also losen die Kinder die Rollen aus.
Zu viele Nieten im Leben der Dankos

Das Leben hat für Julius Danko und die Seinen zu viele Nieten bereitgehalten. Vor gut drei Jahren hatte der Familienvater einen Herzinfarkt. Damit begann der Abstieg, der mit dem Umzug ins »Sport« vor einem Jahr sein Ende fand. So sitzt er am Sonntagmorgen mit seiner fünfköpfigen Familie in der 55-Quadratmeter-Wohnung mit der gefliesten Einsparung für das Waschbecken als Badersatz, samt Spiegeln mit zwei Engeln und dem Gemälde mit einer lächelnden Nackten. Das hängt über dem alten Sofa. Auf dem Schrank stehen mächtige Plastikblumen, die seine Frau Verona platziert hat. Ein Handtuch mit buntem Urwaldvogel hat sie als Schmuck an die Wand gehämmert. »Wir haben nicht viel, aber wir machen das Beste daraus«, wischt Verona Dankova über die Diskrepanz zwischen der üppigen Nackten und dem schreibunten Tukan darunter hinweg.
Die Familie Danko hat schon bessere Zeiten erlebt. Damals, als sie und ihr Mann einen Job hatten und in einem Haus mit Garten wohnten. »Ich hatte sogar eine kleine Tomatenzucht«, erzählt Verona Dankova. Sie lächelt dabei, aber es ist ein angespanntes Lächeln. In kaum zwei Stunden wird vor dem Haus das geschehen, was die Kinder im Hof so oft lautstark nachspielen. In Varnsdorf wird an diesem Wintersonntag wieder marschiert.
Eigentlich haben die Demonstranten längst erreicht, was sie wollen. Die Dankos wünschen sich nur eines: dass sie hier endlich weg können. Aber eine Wohnung weit weg vom »Sport« – wie soll sich Julius Danko die Miete mit seiner kleinen Invalidenrente leisten? Und vielleicht kommen dort auch wieder die Rechten?
Die Rechtsaußen arbeiten grenzübergreifend
Der zwölfte Hassaufmarsch seit September beginnt Ende Januar mit fröhlicher, fast südländischer Note. Das gilt zumindest für die Musik, die aus Lautsprechern schallt. Ein Blick in die Runde lässt Urlaubsgefühle jedoch schnell erkalten. Stiernackige Glatzköpfe, dumpfe Blicke, blank gewienerte Springerstiefel, DSSS-Fahnen. Die Marschierer tragen Uniformteile aus dem Army-Laden, Pullover mit markiger Szeneaufschrift. Das übliche Szenario, wenn eine rechtsextreme Partei mobil macht.

Doch Angst macht der Familienvater mit der modischen Jacke und dem Kleinkind auf den Schultern. Das junge Pärchen im bunten Partnerlook, die »Gerechtigkeit ist kein Rassismus« auf ein Schild gemalt haben. Normalbürger mitten im Aufmarsch der Ultrarechten. Die »Arbeiterpartei für soziale Gerechtigkeit« (DSSS) bläst auf dem Marktplatz des 16 000-Einwohner-Städtchens zum Demonstrationszug, wie so oft …
Wie so oft auch mit NPD-Funktionären aus dem benachbarten Deutschland. Eine Stadträtin ist dieses Mal aus Zittau angereist. Tschechische und deutsche Rechtsaußen arbeiten seit Jahren grenzübergreifend zusammen.
Das schäbige Gebäude am Stadtrand hat traurigen Symbolcharakter erlangt. Im Sommer vergangenen Jahres überfielen Roma in einer Kneipe gut 30 Kilometer von Varnsdorf entfernt einen Gast und verletzten ihn mit Macheten. Kneipenschlägereien, die war man gewohnt. Aber ein Streit mit Messern, das war eine neue Qualität der Gewalt. So hatte alles begonnen.
Die DSSS wusste den »Volkszorn« zu nutzen. Was nützte es, dass die Bewohner aus dem »Sport« nichts mit dem Überfall zu tun hatten. Das vergammelte Hotel wurde in den Augen der Rechten zum Haus des Bösen. Bei den folgenden Demonstrationszügen marschierten zeitweise über 1500 Menschen vor dem Gebäude auf.

DSSS-Chef Tomaš Vandas hat auch für den zwölften Aufmarsch wieder einen Anlass gefunden. Diesmal gab es eine Schlägerei zwischen »weißen Tschechen« und Roma. Eine der Anwesenden, eine ältere Frau, starb Wochen später. »Ob ihr Tod etwas mit der Schlägerei zu tun hat, ist noch völlig unklar. Sicher ist, von der Unterkunft ›Sport‹ war niemand beteiligt«, erklärt Markus Pape. Der in Prag lebende Bürgerrechtler und Journalist versucht mit dem Netzwerk »Hass ist keine Lösung« den Bewohnern beizustehen.
Für die DSSS sind Roma eben Zigeuner, und so wird wieder zum »Sport« marschiert, vermutlich nicht zum letzten Mal, befürchtet auch Julius Danko. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie die Demonstranten versuchten, das Haus zu stürmen. Die Polizei griff ein. Steine und Feuerwerkskörper flogen. Im Gebäude waren alle wie gelähmt vor Angst. »Ich dachte, jetzt kommen sie und nehmen alles auseinander«, sagt Danko. Seitdem überwachen Kameras die Umgebung des Hauses. Gegenüber, in einer heruntergekommenen ehemaligen Disco, ist eine Polizeiwache eingezogen.
»Irgendwann werfen sie uns einen Molotow-Cocktail durchs Fenster«, ahnt Denissa, die 14-jährige Tochter. Ihr Vater will sie beruhigen. »Die Leute aus Varnsdorf werden das nicht machen«, meint er. Aber die Nazis von außerhalb, die machen ihm Sorgen. »Was kommen diese Menschen immer zu uns? Wir haben niemandem etwas getan. Bis zu meinem Infarkt habe ich gearbeitet. Wir sind keine ›Sozialschmarotzer‹«, erklärt er. Danko erzählt, wie er seine zweijährige Dienstzeit in der tschechoslowakischen Armee abgeleistet hat. »Wenn da jemand was Rassistisches gesagt hat, dann kam er in den Bau. So war das, keine Probleme.« Er berichtet von seinem Job bei der Bahn und als Hilfsarbeiter in einer Textilfabrik. »Seit 30 Jahren lebe ich in Varnsdorf. Geboren wurde ich in einem Nachbardorf. Das hier ist meine Heimat«, sagt Danko.

Aussichtslos, auf eine Arbeit zu hoffen

Doch viele »weiße« Tschechen in Varnsdorf klagen über einen dauernden Roma-Zuzug aus anderen Teilen der Republik, über einen Anstieg der Kriminalität. Roma aus den Großstädten sollen von Immobilienhaien Geld bekommen, wenn sie aus schick werdenden Altstadtgebieten fortziehen. Endstation ist oft eine schäbige Unterkunft in der Provinz.
Markus Pape schüttelt nur den Kopf: »Im ›Sport‹ leben derzeit ausschließlich Roma aus der Region, dem Schluckenauer Zipfel, der an Sachsen grenzt. Familien wie die Dankos, denen das Sozialamt hier Zimmer zugewiesen hat. Ich glaube, das Hauptproblem von Varnsdorf sind 15 Prozent Arbeitslosigkeit und fehlende Perspektiven für viele Bewohner.« Auf einen Job zu hoffen, hat sich Verona Dankova verboten: »Bei der Arbeitslosigkeit, als Romni? Hoffnungslos. Nicht, dass ich es nicht weiter versuchen würde. Immer wieder und wieder. Ich habe wirklich gern gearbeitet.« Doch seit den Märschen dürfte es für sie noch schwieriger geworden sein. In der Kleinstadt kennt man sich, aber der Unfrieden wächst. »Am Wochenende marschieren sie vor unserem Haus vorbei, rufen ›Zigeuner ins Gas‹. Am nächsten Tag grüßen sie im Supermarkt, als wäre nichts gewesen. Da sind Kollegen darunter, mit denen ich jahrelang zusammengearbeitet habe«, brummt Julius Danko.
Seine Tochter hat genug von der Roma-Häme, die selbst mancher Lehrer nicht mehr zu verbergen sucht. Die Teenagerin würde gern nach England auswandern. »Da würde ich in einem Hotel arbeiten, ich meine natürlich, in einem richtigen, schönen Hotel.«
Mittlerweile werden die Kinder ins Haus gerufen und die Türen verbarrikadiert. Der Marsch vom Marktplatz auf das ehemalige Hotel hat begonnen. Studentinnen von »Hass ist keine Lösung« fangen mit ihrem Kinderprogramm im Gebäude an. Aus einer kleinen Stereoanlage wummern die Chartbrecher. Die jüngsten Bewohner vergessen beim Malen den Aufmarsch völlig. Stattdessen malen sich die Mädchen große Justin-Bieber-Plakate. Und die Jungs mehr was Graffitimäßiges. »Muss zu unser Breakdance-Gruppe passen«, erklärt der zwölfjährige Mischa, der Sohn der Dankos.
Draußen marschieren schon die Demonstranten vorbei, schwenken ihre Plakate mit der Aufschrift »Stoppt den schwarzen Rassismus«. Auch das Pärchen im Partnerlook blickt wütend die Hausfassade empor. Keine 300 sind es dieses Mal. Genug aber, dass die Kinder es wieder einmal von einem Schreier hören: »Zigeuner ins Gas.«

Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/219356.angst-ist-alltag-fuer-die-roma-in-varnsdorf.html

Teilhaben. Noch immer haben viele Roma mit einem Teufelskreis aus Ausgrenzung und Armut zu kämpfen.

Es ist an der Zeit, dass sie selber Einfluss auf ihre Zukunft nehmen können – auch politisch.

Woran denken wir, wenn wir das Wort „Roma“ hören? Das von den Medien gezeichnete Bild beschreibt ein Volk, das aus den östlichen EU-Staaten gen Norden und Westen zieht, und dort in Konflikte mit der lokalen Bevölkerung und den Behörden gerät, weil es unter anderem manchmal in illegalen Siedlungen wohnt.
Aber liefern uns diese Schlagzeilen ein vollständiges Bild vom Leben der zehn bis zwölf Millionen europäischen Roma? Natürlich nicht. Der weitaus überwiegende Teil lebt nicht als Migranten in anderen Ländern, Nomaden gibt es heute kaum noch. Roma zu sein bedeutet auch nicht automatisch Diskriminierung und Ausgrenzung. Ich kenne Lehrer, Ärzte und Professoren, die allesamt Roma sind.
Teufelskreis von Armut und Ausgrenzung
Trotzdem sind die Roma weiterhin diejenige Bevölkerungsgruppe innerhalb der EU, die insgesamt am meisten diskriminiert wird. Eine Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) zeigt, dass sechzig Prozent der Roma bei der Jobsuche diskriminiert werden. Nur eine kleine Minderheit hat jemals eine weiterführende Schule besucht. Der Teufelskreis von Armut und Ausgrenzung wird dadurch vorangetrieben: Benachteiligung im Bildungssystem führt zu Arbeitslosigkeit, diese wiederum bedingt mehr Armut. Menschen werden in ghettoähnliche Sozialsiedlungen abgedrängt und haben dadurch weitere Nachteile in Bezug auf Bildung, Arbeit und Gesundheit. Dann beginnt der Kreislauf wieder von vorne …
Ausgrenzung hat aber nicht nur einen Preis für die direkt Betroffenen. Sie führt auch dazu, dass wichtige Qualifikationen und Talente nicht entwickelt werden – letztendlich ist das auch ein wirtschaftlicher Nachteil. Die Roma-Bevölkerung wächst: In zehn Jahren werden zwanzig Prozent der Menschen in manchen osteuropäischen Ländern Roma sein. In einem harten globalen Wettbewerb kann Europa es sich nicht leisten, einen signifikanten Teil der Bevölkerung sozial und wirtschaftlich auszugrenzen.
Doch um diesen Teufelskreis zu brechen, bedarf es einer umfassenden Politik, die gleichermaßen auf Wohnraum, Arbeit, Bildung und Gesundheitsvorsorge abzielt. In vielen Mitgliedstaaten der EU werden zahlreiche verschiedene Integrationsstrategien verfolgt. Doch häufig basiert diese Politik eher auf Mythen und Vorurteilen als auf der Realität. Die verlässliche Datenlage in Bezug auf die Situation der Roma ist erstaunlich dünn. Doch wie wollen Politiker effektive Lösungen finden, wenn sie nicht einmal die genaue Lage vor Ort kennen?
Mit den Roma arbeiten
Im April 2011 hat die Europäische Kommission einen Rahmen für nationale Roma-Integrationsstrategien geschaffen. Das Dokument ist ein wichtiger Schritt hin zu gezielterer und nachhaltiger Politik in den einzelnen Mitgliedstaaten. Die EU hilft durch die Bereitstellung von Geldern und das Monitoring von Fortschritten.
All das kann jedoch nur gelingen, wenn Politik nicht nur für Roma gemacht wird, sondern vielmehr mit den Roma. Sie müssen Einfluss auf die eigene Zukunft bekommen – und Verantwortung dafür übernehmen. Auch das Verhältnis zwischen den Roma und der Bevölkerungsmehrheit kann sich nur dann dauerhaft verbessern, wenn gegenseitige Ängste und Vorurteile abgebaut werden und wir existierende Probleme ehrlich zugeben. Weder dürfen wir unsere Augen verschließen vor Gewalt und Diskrimierung der Roma, noch dürfen wir Diebstahl, Betteln und Menschenhandel mancher Roma ignorieren. Misstrauen kann nur durch offenen Dialog abgebaut werden.
Hat Europa ein „Roma-Problem“? Nein. Aber Europa hat sich der Herausforderung zu stellen, alle Menschen gleichermaßen an unseren Gesellschaften teilhaben zu lassen.

Übersetzung aus dem Englischen.
von Morten Kjærum
http://www.theeuropean.de/morten-kjaerum/9773-roma-in-europa-3
23.02.2012

VORURTEILE GEGEN ROMA

Die zweite Seite der Medaille

Es ist egal, ob wir Roma gebildet sind. Deutsche Juden waren hoch gebildet, vor dem Holocaust hat sie das trotzdem nicht gerettet. Roma sind zur gleichen Zeit kaum zur Schule gegangen. Dennoch sind sie in den gleichen Konzentrationslagern gelandet.

Von Valeriu Nicolae

Solange die Roma massiven Vorurteilen ausgesetzt sind, hat Bildung nur die Assimilation an die vorherrschende Kultur zum Ziel. Noch immer haben Roma allen Grund, ihre Herkunft im Lebenslauf zu verschweigen. Für die meisten Menschen ist “Roma” weiterhin synonym mit “genetisch bedingten Kriminellen”. Vielleicht würden Bildungsinitiativen eher der Bevölkerungsmehrheit zugutekommen – Bildung als Waffe gegen rassenbasierten Nationalismus, gegen Kolonialismus, gegen Sklaverei und die Ausbeutung, auf der ein Großteil des Reichtums in Europa und Nordamerika basiert. Solche Programme hätten sicherlich eine größere Wirkung als Bildungsprogramme nur für Roma Wahlversprechen ohne wirkliches Engagement.
Es gibt keine magische Lösung, mit der sich die Integration der Roma vorantreiben ließe. Noch immer sind sie eine der am meisten gehassten ethnischen Gruppen in Europa, obwohl seit mittlerweile zwei Jahrzehnten die Notwendigkeit von Integration betont wird. Die bisherigen Vorstöße waren zum Großteil voreilig, billig und hauptsächlich als PR-Maßnahmen konzipiert. Sie waren Wahlversprechen ohne wirkliches Engagement. Ich kenne kein einziges Programm, das auf Basis von Experten-Empfehlungen erarbeitet worden wäre und die Belange der Roma ins Zentrum stellt. Solche Programme müssten langfristig konzipiert werden, sie wären teuer und würden von kompetenten Kräften vor Ort umgesetzt werden. Das Ausbleiben der Resultate ist daher wenig überraschend. Was anders wäre von Vorschlägen zu erwarten, die von wohlmeinenden Menschen ohne relevantes Wissen erarbeitet werden?
Die EU-Kommission ist die wichtigste Institution, die sich um die Belange der zehn bis zwölf Millionen europäischen Roma kümmert. Doch auch hier herrscht ein Mangel an Expertise. Die verantwortliche Kommissarin Viviane Reding kommt aus dem einzigen EU-Staat ohne Roma: aus Luxemburg. Sie ist unerfahren, und ihr Beraterstab ist es auch. Leider ist dieser Zustand die Norm in vielen internationalen und nationalen Organisationen, die sich mit der Roma-Frage beschäftigen. Bis heute ist kein einziger Rom oder Roma-Experte in eine entsprechende Führungsposition befördert worden. Die Arbeitsweise der EU-Kommission kann man eigentlich nur als idiotisch bezeichnen: Beförderungen erfolgen generell ohne Rücksicht auf relevante Erfahrungen. Wenn die Bürokraten sich nach drei bis fünf Jahren tiefer in das Thema eingearbeitet haben, werden sie routinemäßig weiterversetzt und haben im Normalfall nichts mehr mit der Roma-Frage zu tun.
Die Ausrede, dass es keine passenden Kandidaten gebe, hält der Überprüfung nicht stand. Es gibt in Europa tausende Wissenschaftler, die sich in ihren Dissertationen mit Roma-Themen auseinandergesetzt haben; und zehntausende Experten mit Universitätsabschlüssen, die jahrelang Erfahrung in Roma-Gemeinden gesammelt haben. Viele davon sind selbst Roma.
Alle Bilder sind falsch. Ein weiteres Problem ist, dass Roma von der Gesellschaft oftmals extrem schwarz-weiß wahrgenommen werden. Entweder werden Roma als ausgenutzte Heilige porträtiert oder als genetisch bedingt kriminell diffamiert. Beide Bilder sind falsch. Solange wir Roma den Integrationsprozess nicht selber in die Hand nehmen, Ressourcen investieren und Verantwortung übernehmen, wird sich an dieser Situation nichts ändern.
Roma-Aktivisten müssen offen über Probleme sprechen: über Kinder, die zum Betteln oder zur Prostitution gezwungen wurden, über Wucher und häusliche Gewalt. Es muss zweifelsfrei deutlich werden, dass Kriminalität unter keinen Umständen akzeptabel ist und keinen Teil des Roma-Lebenswandels darstellt. Diskriminierung ist keine Entschuldigung für eigenes Fehlverhalten: weder für Verletzung von Menschenrechten durch Roma noch für eine Verweigerungshaltung in Bezug auf die Kosten der Integrationspolitik. Denn Bildung, soziale Teilhabe und aktives politisches Engagement kosten Geld und Zeit. Wenn Roma und Nicht-Roma gemeinsam vorankommen wollen, führt an diesen Investitionen kein Weg vorbei.

(Valeriu Nicolae, derStandard.at, 16.2.2012)

Autor
Valeriu Nicolae, The European, leitet das von ihm mitgegründete Policy Center for Roma and Minorities in Rumänien. Er berät verschiedene Menschenrechtsorganisationen zur Roma-Frage und beschäftigt sich mit sozialer Ungleichheit in Bukarest. Der Text wurde aus dem Englischen übersetzt.


Unter Ceausescu gab es keine Roma

ROMA Romeo Tiberiade berichtete in Neukölln über seine Arbeit als Beauftragter für die Angelegenheiten der Roma in seinem Bezirk in Rumänien. Fehlende Papiere und mangelnde Bildung sind ihre größten Probleme

VON LISA FORSTER

“Revision”, der Dokumentarfilm über den nie aufgeklärten Fall zweier Familienväter aus Rumänien, die 1992 an der deutsch-polnischen Grenze von Jägern erschossen wurden, zieht seine Kreise nicht nur auf der Berlinale. Im Mehrgenerationenhaus in Neukölln organisierte die interkulturelle Jugendselbstorganisation Amaro Drom am Montag eine Informationsveranstaltung mit Romeo Tiberiade. Er stammt wie die beiden Toten aus dem Bezirk Dolj und kannte einen der beiden persönlich. In Philip Scheffners Film ist er in seiner Funktion als Beauftragter für die Angelegenheiten der Roma in seinem Bezirk zu sehen.

In Neukölln spricht Tiberiade über die vielen Missstände, von denen er durch seine Arbeit erfährt. Roma, sagt er, seien in Rumänien Opfer ethnischer Diskriminierung von behördlicher, wie auch von gesellschaftlicher Seite. Drei Viertel der geschätzten 2,2 Millionen Roma in Rumänien leben in Armut und abgeschottet in meist abgelegenen Wohngebieten. Sie hätten weder Zugang zu Bildung und Arbeitsplätzen, erklärt er, noch dauerhafte Personaldokumente. Stattdessen müssen sie mit provisorischen Personalausweisen Vorlieb nehmen, die ihnen kein Recht auf Arbeit und Ausreisemöglichkeiten in die EU gewähren.

Den Grund für die Abschottung und Diskriminierung der Roma sieht Tiberiade vor allem in der fehlenden staatlichen Unterstützung. Die Lage der Roma sei zwar immer wieder Gegenstand von Regierungsuntersuchungen, in denen auf die Rechte der Roma hingewiesen wird. Dennoch werden die existierenden Gesetze gegen die Diskriminierung der ethnischen Gruppe praktisch von den Behörden nicht angewandt.

Tiberiade hat es aber geschafft, zumindest im Landkreis Dolj dieses Problem anzugehen. Der Landkreis wandte sich an das Europäische Parlament und stellte einen Antrag auf dauerhafte Identitätsdokumente, die aus dem Budget der Entwicklungshilfe für Rumänien finanziert werden sollten. Als der Antrag bewilligt wurde, fuhren die Behörden von Dolj mit einem mobilen Büro durch den Landkreis, um die Dokumente auszustellen.

Für die 85.000 Roma, die im Landkreis leben, wurden nach und nach Personalausweise ausgestellt, bis zum heutigen Tag seien es rund 4.000 Stück – eine immer noch erschreckend geringe Zahl.

Darüber hinaus engagiert sich Tiberiade, der selbst einen Hochschulabschluss in Geschichte hat, in einer Nichtregierungsorganisation, die Schülern zu besseren Bildungschancen und Hochschulplätzen verhilft. Dazu gehöre zum Beispiel die Wahrnehmung von Quotenstudienplätzen für Minderheiten in Rumänien, wodurch seine Organisation immerhin bereits knapp 300 Studienplätze vermitteln konnte.

Eine von Stereotypen, Feindschaft und Abneigung geprägte Einstellung gegen die Roma und eine damit einhergehende staatliche und gesellschaftliche Diskriminierung und Verfolgung reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück, sagt Tiberiade. Ein besonders starkes Ausmaß habe sie seit Mitte des 19. Jahrhunderts unter dem Herrscher Alexandru Ioan Cuza angenommen, der die Leibeigenschaft der Roma einführte. Während der Herrschaft des faschistischen Ministerpräsidenten Ion Antonescu von 1940 bis 1944 wurden mehrere Zehntausend Roma nach “Transnistrien” deportiert, wie das besetzte Gebiet im Osten Moldawiens hieß, das von 1941 bis 1944 an Rumänien angeschlossen war.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden von der Regierung unter Gheorghe Gheorghiu-Dej vereinzelte Schritte zur Anerkennung der Roma in der Öffentlichkeit unternommen. Unter der Herrschaft des Diktatoren Nicolae Ceausescu wurde eine offene Diskriminierung und Verfolgung der Roma sogar verboten, gleichzeitig leugnete die Herrschaft gegen Ende ihrer Regierungszeit jedoch die Existenz einer ethnischen Minderheit der Roma. Eine Möglichkeit, aus der Verbannung aus der Öffentlichkeit zu kommen, bot sich nur denjenigen Roma, die zur Assimilation bereit waren.

Nach der Revolution von 1989 und dem Ende des kommunistischen Regimes wurde ein Großteil der Roma aus den Erwerbsmöglichkeiten, die ihnen die planmäßige Industrialisierung des Landes auferlegt hatte, entlassen. Obwohl die Menschen zu verschiedenen Handwerksberufen gezwungen worden waren, habe sich für die Roma in dieser Zeit immerhin der Zugang zu Bildungsstätten verbessert und eine berufliche Sicherheit existiert, wie eine aus Rumänien stammende Besucherin des Abends erklärt.

Nach der Öffnung der Grenzen reiste Tiberiade im Jahr 1990 zusammen mit seiner Familie und vielen anderen Roma über Polen nach Deutschland. Sie lebten in einem Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen. Tiberiade beschreibt, wie Neonazis vor den Fenstern der Wohnungen lauerten und die Asylbewerber daran hinderten, ihre Zimmer zu verlassen, während die Besorgungen und Einkäufe der Menschen von den Angestellten des Heims erledigt werden mussten. Tiberiade war, wie viele seiner Freunde und seine Familie, eingesperrt und verharrte in einem Zustand ständiger Angst.

Bei den Ausschreitungen von 1992 hatte seine Familie anders als viele Bewohner zumindest das Glück, Räume auf der Seite der Straße zu bewohnen, die nicht von Neonazis mit Molotowcocktails bombardiert wurde. Schließlich wurden sie evakuiert und kamen in ein anderes Flüchtlingsheim “irgendwo im Wald”, von dem Tiberiade bis heute nicht weiß, wo es lag. Von diesem Zeitpunkt an lebten sie in ständiger Alarmbereitschaft, wie er erklärt.

Gerade arbeitet Romeo Tiberiade an einem Film, der über die historische Verfolgung der Roma aufklären soll. Er werde weiter kämpfen, sagt er am Ende des Abends.

Die Gesetze gegen die Diskriminierung der Roma werden praktisch nicht angewandt

(taz.de)

Die gegenwärtige Situation von Sinti und Roma in Europa gibt Anlass zu großer Besorgnis.

Am Rand fixiert

Roma und Sinti sind die größte Minderheitengruppe in Europa und dennoch fehlt es an gesellschaftlichem Rückhalt. Daran wird auch die neue EU-Initiative nichts ändern, denn staatenlos bleiben wir auch danach.

Die gegenwärtige Situation von Sinti und Roma in Europa gibt Anlass zu großer Besorgnis. Nach den Mordanschlägen in Ungarn, denen 2008 und 2009 elf Menschen zum Opfer fielen, gab es Anschläge in einer Reihe anderer Länder.

Dem stehen auch in Deutschland in den vergangenen Jahren massive Fälle von rassistischen Übergriffen gegenüber: wie der Brandanschlag auf das Haus einer Sinti-Familie in Sachsen an Weihnachten 2009 und die Wahlkampfpropaganda der NPD in Niedersachsen, mit der Sinti und Roma als „Zieh-Gauner“ bezeichnet wurden in Anspielung auf den „Zigeuner“-Begriff. Der Vorstand der Polizeigewerkschaft Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) hat sich bis heute nicht von der rassistischen Veröffentlichung in ihrem Fachorgan distanziert, in der Sinti und Roma pauschal kriminalisiert und als „Sozialschmarotzer“ bezeichnet werden.

Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung

Roma und Sinti, die heute mit insgesamt zehn bis zwölf Millionen Angehörigen die größte Minderheitengruppe in Europa bilden, teilen mit den Juden die furchtbare Geschichte der Entrechtung, Verfolgung und systematischen Vernichtung im nationalsozialistisch besetzten Europa. Eine halbe Million unserer Menschen wurden Opfer des Holocaust, eine von uns nicht zu vergessende Erfahrung. Demgegenüber existiert in den Mehrheitsbevölkerungen ihrer jeweiligen Heimatländer bis heute kein Bewusstsein für die historische Dimension des an Sinti und Roma begangenen Völkermords.

Statt Anerkennung und Respektierung als gleichberechtigter Teil der Bevölkerung ihrer Heimatländer, statt der selbstverständlichen Garantie der Minderheitenrechte wie gegenüber anderen nationalen Minderheiten, statt Teilhabe ohne Diskriminierung in allen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Bereichen werden die Roma- und Sinti-Minderheiten in vielen Ländern zunehmend bedroht und öffentlich ausgegrenzt.

Die seit den 1970er-Jahren stattfindende Bürgerrechtsarbeit der Minderheiten-Angehörigen und die dadurch entstandenen Selbstvertretungs-Organisationen in den meisten Staaten Europas haben zwar in vielen Bereichen Erfolge erzielt und Verbesserungen erreicht, wenn auch in sehr unterschiedlichem Maße. Diese positive Entwicklung hat sich aber seit Mitte der 1990er-Jahre nicht mehr fortgesetzt – insbesondere wegen des wiedererstarkten Rechtsextremismus fast überall in Europa.

Es fehlt an gesellschaftlichem Rückhalt

Das Ausmaß der konkreten Bedrohung, die Hartnäckigkeit bestehender Klischees und Ablehnungshaltungen in der Gesellschaft, sowie vielfach mangelnder politischer Wille auf Seiten der verantwortlichen Staatsorgane geben den Roma- und Sinti-Vertretungen wenig Chancen zur Durchsetzung grundlegender Verbesserungen. Dafür fehlt ihnen der gesamtgesellschaftliche Rückhalt.

Die Initiative der Europäischen Union, nämlich die Mitgliedstaaten aufzufordern, nationale Strategien für die gleichberechtigte Teilhabe von Roma in Europa in ihren jeweiligen Ländern zu entwickeln, ist grundsätzlich richtig. Es ist wichtig, dass Roma in Europa als nationale Minderheiten anerkannt und respektiert werden, das heißt vor allen Dingen, dass sie Bürger ihrer jeweiligen Staaten sind. Gleichzeitig sehen wir aber in den Diskussionen und Dokumenten auf der europäischen und den nationalen Ebenen eine Tendenz, die bestehende Marginalisierung von großen Teilen der Roma-Minderheiten als für die gesamte Minderheit geltendes Charakteristikum festzuschreiben und sie damit stereotyp als eine vorgeblich „europäische soziale Randgruppe“ zu fixieren. Das lässt auch den Roma-Organisationen politisch wenige Chancen.