Staatsanwaltschaft nach Schülereintrag in Facebook (Stichwort „KZ-Nutten“/“Komplette Zigeuner Nutten“)

LESERBRIEF von Simone Schönett

Zu: Staatsanwaltschaft nach Schülereintrag in Facebook (Stichwort „KZ-Nutten“/“Komplette Zigeuner Nutten“)

Der Begriff „KZ-Nutten“ habe nichts mit Konzentrationslagern oder gar rechtem Gedankengut zu tun. Vielmehr habe er damit nur „Komplette Zigeuner Nutten“ gemeint.

So erklärte es der Schüler, so hörte man das im TV vom Schuldirektor, so las man das in den Medien, und zwar ohne weiteren Kommentar zu dem, was mit „Komplette Zigeuner Nutten“ eigentlich gemeint sein oder worauf das abzielen sollte.

Wie gering Frauen und „Zigeuner“ (schon wieder oder noch immer?) geschätzt werden, lässt nicht nur diese ungeheuerliche Wortschöpfung ahnen, sondern auch die Berichterstattung darüber. Denn abgesehen von der Erwähnung, „Komplette Zigeuner Nutten“, war von Antifeminismus oder gar Antiziganismus natürlich nicht die Rede. Kein Wort darüber. Nicht einmal der korrekte Begriff, Roma, fiel (und schon gar nicht deren enger Zusammenhang mit dem ursprünglich in Facebook geposteten Begriff, nämlich KZ). Sicher, in Bezug auf Roma mangelt es den Nicht-Roma an Geschichtswissen und interkultureller Bildung.
Aber liegt es wirklich nur daran, dass diese Aussage, „Komplette Zigeuner Nutten“, einfach so (kommentarlos) hingestellt werden kann? Beunruhigend genug, wie ungeniert Antiziganismus im Alltag daherkommt. Doch wirklich verstörend, wenn, so wie hier, die „Zigeunerfeindlichkeit“ nicht einmal den politisch Korrektesten auffällt.

http://diepresse.com/home/techscience/internet/727930/KZNutten_Schueler-nach-FacebookNachricht-angezeigt-

WEITER ANTIZIGANISTISCHE AUSSCHREITUNGEN IN TSCHECHIEN

von Juliane Nagel

Posted on | Januar 28, 2012 |

Im nordböhmischen Varnsdorf gehen seit Beginn des Jahres die antiziganistischen Ausschreitungen weiter. Nachdem die antiziganistischen Demonstrationen Ende Oktober 2011 mit Wintereinbruch zum Erliegen gekommen waren, gab es an den ersten beiden Wochenenden des neuen Jahres wieder Aufmärsche mit 50 bzw. 200 Teilnehmenden. Für den 29.1. hat die tschechische Nazipartei DSSS („Arbeiterpartei der sozialen Gerechtigkeit“) einen neuen Aufmarsch angemeldet.

Eine Weile war es ruhig geworden um das Dörfchen Varnsdorf, nur ein paar hundert Meter von der deutschen Grenze zu Seifhennersdorf entfernt. Letztes Jahr war die Ortschaft zeitweise jedes Wochenende Schauplatz rechter Aufmärsche mit mehreren hundert Teilnehmer_innen gewesen. Diese richteten sich gegen die ethnisierte Minderheit der dort lebenden Roma. Mehrfach wurde versucht, 2 Heime in denen eine Vielzahl von ihnen in ärmsten Verhältnissen wohnt, anzugreifen – es kam zu schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei. In den letzten 2 Monaten hatte es dann so ausgesehen, als wäre das schlimmste Überstanden. Die rechten Demonstrationen zogen immer weniger Teilnehmer_innen an und unterblieben schließlich ganz.

Nun hat die DSSS erneut eine Kundgebung für den 29.01.12 angemeldet. Diese soll ab 9 Uhr auf dem Varnsdorfer Busbahnhof, nur wenige hundert Meter von einer der Roma-Herbergen, stattfinden. Wie das Infoportal romea.cz berichtet, steht die Veranstaltung im Zusammenhang mit dem Tod einer älteren Varnsdorfer_in. Diese wurde nach Angaben ihrer Verwandten und der Polizei 14 Tage vorher in eine Auseinandersetzung mit einem Roma verwickelt und soll in Spätfolge an einer Herzattacke gestorben sein. Auch tschechische Medien zweifeln die Verbindung dieser beiden Ereignisse an, zumal es örtliche Zeugen geben soll, die behaupten die Frau wäre schon länger schwer krank gewesen.

Ein weiterer vermeintlicher Zwischenfall muss außerdem gegen die hasserfüllten antziganistischen Aktionen herhalten: In der Neujahrsnacht wurde eine dreiköpfige Familie aus Varnsdorf mit Verletzungen in Krankenhaus eingeliefert. Am 2. Januar erstatteten sie Anzeige, sie seien vor dem „Hotel Sport“ (einer der Sammelunterkünfte für Roma in Varnsdorf) von Roma angegriffen worden. Seit den Ausschreitungen im Herbst wird das Gebiet mit Videokameras überwacht. Von einem derartigen Angriff war auf dem Überwachungsvideo nichts zu sehen.

In der Neujahrsnacht kam es indessen zu tödlicher Gewalt, als ein Rentner im nordböhmischen Tanvald einen 22-jährigen Rom erschoss und dessen Bruder schwer verletzte. Zeugen gibt es keine, so steht Aussage gegen Aussage. Er habe in Notwehr gehandelt, da er mit einem Messer angegriffen worden sei, sagt der 63-Jährige, der nach seiner Vernehmung noch in der Neujahrsnacht wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Die Brüder seien außerdem auf Beutezug gewesen. Der jugendliche Überlebende fürchtet derweil um sein Leben. Nach seinen Aussagen sei unvermittelt und im Dunkeln auf ihn und seinen Bruder geschossen worden, er selbst wurde geschlagen und getreten. Bei den Ermittlungen werden antiziganistische Vorurteile offenbar, geglaubt wird dem Täter.

Vor dem Hintergrund dieser neuerlichen Entäußerung von Gewalt und Hass gegen Roma, vor dem Hintergrund der krassen Diskriminierung dieser Minderheit in zahlreichen europäischen Ländern und vor dem Hintergrund laufender Abschiebungen von Roma in den Kosovo ist Solidarität essentiell.

Die Leipziger Initiative gegen die Diskriminierung von Roma bereitet für Februar und März Soli- und Informationsveranstaltungen in Leipzig vor.  Zum Auftakt findet am 7.2.12 im Haus der Demokratie in der Bernhard-Göring-Str. 152 eine Veranstaltung “Alle bleiben. Veranstaltung zur Situation von Roma in Europa und Widerstandsstrategien gegen Abschiebungen” mit Kenan Emini vom Roma Center Göttingen e.V. statt (mehr Infos).

Textquellen: Antiziganismus-Watchblog und  Einzelpersonen im Libertären Netzwerk Dresden

„Happy Holocaust“

Video http://www.vice.com/de/vice-news/die-neue-npd

Thinghaus: NPD isst vom „Happy Holocaust“-Grill

Verfasst von Oliver Cruzcampo

Auf dem NPD-Gelände des Thinghauses in Grevesmühlen entdeckte kürzlich eine Reporterin einen Grill mit der Aufschrift „Happy Holocaust“. Darauf angesprochen, reagierte der NPD-Landesvorsitzende Stefan Köster sichtlich nervös. Seine Begründung: Es würde sich lediglich um einen Spaß handeln.

In den vergangenen Monaten machten sich Dutzende Reporterteams auf in den hohen Norden, um Videobeiträge über das sogenannte Neonazi-Dorf Jamel und das Thinghaus in Grevesmühlen zu drehen. So auch eine Reporterin der Online-Video-Plattform „VBS.TV“, die zuerst ein Gespräch mit Anwohnern in Jamel suchte und dann abschließend ein Interview mit dem NPD-Landesvorsitzenden Stefan Köster führen wollte.

Zuvor erkundete die Frau offenbar zum ersten Mal das Gelände des Thinghauses in Grevesmühlen, welches im Frühjahr 2010 seine Pforten öffnete. Eigentümer ist das NPD-Mitglied Sven Krüger, der vor wenigen Wochen gerade zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden ist. Neben dem Palisadenzaun und dem Wachturm fiel die Aufmerksamkeit der Reporterin vor allem auf den dort abgestellten Grill: Auf diesem befindet sich in altdeutscher Fraktur die Inschrift „Happy Holocaust“.

Im Interview mit Köster sprach die Frau den Landesvorsitzenden zunächst auf den Wachturm an. Köster unterbrach die Reporterin abrupt. Es würde sich lediglich um einen „Werbeturm“ handeln, da an ihm immer ein Transparent der NPD befestigt sei. „Im Grunde genommen ist es mehr ein Spielturm für Kinder“, führt Köster weiter aus. „Auf den Turm lassen wir sie aber ungerne hinauf“, ergänzt der 37-Jährige dann aber doch.

Schließlich spricht die Reporterin den Grill auf dem Gelände an. „Denken Sie, es ist eine kritische Auseinandersetzung, wenn man sich einen Grill, auf dem Happy Holocaust steht, in den Hintergarten stellt“, geht die Frage an den NPD-Landesvorsitzenden. Dies bringt Köster für kurze Zeit völlig aus dem Konzept. Erst nachdem er einige Sekunden vor sich hin stammelt, antwortet er lapidar: „Hab ich nicht.“

Er wisse zwar von dem Grill, der dort auch schon länger stehe, allerdings habe er von der Inschrift noch nie Kenntnis genommen. Nach weiterem Zögern findet Köster dann eine mögliche Erklärung: „Vielleicht nimmt da jemand die politischen Repressalien in diesem Land ein bisschen auf die Schippe. Aber das hat sich auch die politische Klasse zuzurechnen, weil hier einfach Meinungen unterdrückt werden. Wenn jemand eine Meinung zum Holocaust hat, kann man doch da die Auseinandersetzung führen, oder nicht?“ Abschließende Frage der Reporterin an Köster: „Finden Sie das witzig?“ Die Antwort des NPDlers: „Pff…pff…pff…nö“.

Ein Grill mit der Inschrift „Happy Holocaust“ – eine ganz spezielle „Auseinandersetzung“ von NPD-Anhängern mit der millionenfachen Ermordung von Juden während des NS-Regimes.

Jeder fünfte junge Erwachsene kennt Auschwitz nicht

Jeder fünfte junge Erwachsene kann einer Umfrage zufolge nichts mit dem Begriff Auschwitz anfangen. 21 Prozent der 18- bis 30-Jährigen weiß demzufolge nicht, dass der Name für ein Konzentrations- und Vernichtungslager der Nationalsozialisten steht.

Dies ergab eine am Mittwoch veröffentlichte Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag des Magazins «Stern». Anders sieht es bei den über 30-Jährigen aus: Hier wissen 95 Prozent etwas mit dem Begriff anzufangen. Insgesamt kannten 90 Prozent der befragten 1002 Bundesbürger das Konzentrations- und Vernichtungslager. Etwa jeder Dritte konnte korrekt sagen, dass das Lager in Polen gebaut worden war. Knapp die Hälfte der Befragten hat noch nie eine KZ-Gedenkstätte besucht.
Am Freitag wird in Deutschland und vielen anderen Ländern des Holocausts gedacht.
Das Datum erinnert an den 27. Januar 1945, den Befreiungstag des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau.

Berlin (dpa)

«Sie haben biometrische Pässe, die sind nicht billig»

Von Claudia Blumer

Serbische Roma haben zwischen Oktober und Dezember 2011 am meisten Asylgesuche eingereicht. Der Leiter des Bundesempfangszentrums in Basel erklärt, warum sie immer wieder in die Schweiz kommen.
Widrige Umstände: Roma-Siedlung in Belgrad. Die Serben waren die grösste Gruppe von Asylgesuchstellern in den letzten drei Monaten des Jahres 2011. Der Grund dafür sei die prekäre wirtschaftliche Situation der Asylsuchenden in ihrem Herkunftsort, sagt Beat Meiner, Leiter der schweizerischen Flüchtlingshilfe, der NZZ. Meist seien die Leute einfach nur froh, über die Wintermonate ein Dach über dem Kopf und Nahrung zu haben.
In ihrer Heimat leben die Roma bekannterweise unter widrigen Umständen, in Hüttensiedlungen ohne sanitäre Anlagen. Zudem haben in Belgrad die städtischen Behörden mehrere Roma-Siedlungen zwangsgeräumt, um Platz für Bauprojekte zu schaffen.
Asylgesuche wurden 2011 später eingereicht
Der saisonale Anstieg der Asylgesuche von Roma ist nicht neu, sondern wiederkehrend, sagt Roger Lang. Er ist Leiter des Bundesempfangszentrums in Basel, das die meisten der zurzeit in der Schweiz um Asyl suchenden serbischen Roma beherbergt. Normalerweise steige die Zahl der Asylgesuche aber bereits im Spätsommer an. Dass sie diesmal erst ab Oktober gestiegen ist, führt Lang auf die Situation in Nordafrika zurück. Die Serben hätten wohl gewartet, bis der grösste Ansturm aus den Maghrebstaaten vorüber war.
Auf die Frage, ob die Roma wirklich nur zur Überwinterung, also aus purem Überlebenswillen, in die Schweiz kämen, sagt Roger Lang: «Fast alle von ihnen haben biometrische Pässe, und die Reise in die Schweiz kostet pro Person rund 100 Euro.» Das Geld für die Reisekosten einer mehrköpfigen Familie würde die Überwinterung im Herkunftsland wohl gewährleisten, sagt Lang. Und auch der biometrische Pass, der seit Anfang 2010 die visumsfreie Einreise in die Schweiz erlaubt, sei nicht billig.
Angenehme Leute, gut informiert
Trotzdem lohne sich die Reise für die Betroffenen, sagt Roger Lang. «Ein paar Monate erhoffte Vollpension und vielleicht ein lange gewünschter Arztbesuch rechtfertigen den Aufwand.» Absichten, mehrere Jahre in der Schweiz zu bleiben und sich zu integrieren, hätten die Gesuchsteller kaum. Wie die Betroffenen das Geld für die Reise und die richtigen Pässe beschaffen, kann er nicht beantworten.
Die serbischen Roma werden in Basel als angenehme, unauffällige Leute wahrgenommen, die über ihre Rechte gut Bescheid wüssten. Trotzdem akzeptierten sie in der Regel eine erstinstanzliche mündliche Entscheideröffnung über das Nichteintreten – dies insbesondere in den Bundesempfangszentren, wie Lang sagt. «Unsere Erfahrung zeigt, dass die Akzeptanz erstinstanzlicher Entscheide in den Bundeszentren grösser ist als in den Kantonen.» Das Ziel sei deshalb die möglichst schnelle Abwicklung der Gesuche. Wird ein Nichteintretensentscheid erst rechtskräftig, funktioniere die Rückführung in die Balkanländer relativ gut. Die durchschnittliche Verfahrensdauer beträgt laut Bundesamt für Migration für Asylsuchende aus Balkanländern 67 Tage, bei den serbischen Roma liegt sie etwas darunter.
Neuer Tonfall seitens der Flüchtlingshilfe
Beat Meiner, Leiter der schweizerischen Flüchtlingshilfe, hält die Feststellung für verfehlt, dass die Gesuchsteller für eine Überwinterung in Serbien genug Geld hätten. «Diese Menschen sind mausarm. Das Reisegeld wäre in Serbien womöglich innert weniger Wochen aufgebraucht.» In der Schweiz seien diese Leute ja nicht eingesperrt, sie könnten rausgehen und beispielsweise betteln oder sonst wie Einnahmen generieren. «Wenn aus den 100 Euro Reisekosten am Ende 1000 Euro Einnahmen resultieren, ist das Geld gut investiert.»

Beat Meiner plädiert für eine Verkürzung der Asylverfahren. «Nur für wenige Wochen Winterhilfe würde sich die Investition für diese Leute kaum lohnen.» Dass der Leiter der Flüchtlingshilfe die langen Asylverfahren kritisiert, signalisiert einen neuen Tonfall seitens der Organisation. Nicht zufällig, wie Beat Meiner sagt: «Um in der Bevölkerung die Akzeptanz für den Flüchtlingsschutz aufrechtzuerhalten, müssen wir das Thema sachlich angehen. Wir dürfen bestehende Probleme nicht verniedlichen und auch nicht der politischen Rechten überlassen.» Humanitäre Organisationen und linke Parteien hätten dies in der Vergangenheit verharmlost.
«Die Relationen wahren»
Roger Lang hält den Aufruhr um die serbischen Roma für unverhältnismässig. Schliesslich seien die 1500 zurzeit in der Schweiz asylsuchenden Roma aus Serbien, Bulgarien und Rumänien nur knapp 10 Prozent aller Asylsuchenden. Maghrebiner und Eritreer sind weitaus grössere Bevölkerungsgruppen innerhalb der Asylgesuchsteller. «Wir haben alles unternommen, um die Gesuche von Roma prioritär behandeln zu können. Aber wir müssen die Relationen wahren, wir können nicht den ganzen Betrieb auf den Kopf stellen wegen der paar Hundert Asylgesuche aus Serbien, und die übrigen pendenten Gesuche, insbesondere jene der wirklich Schutzbedürftigen, liegen lassen.»
Trotz der Missstände erinnert Roger Lang daran, dass nach schweizerischem Recht jede und jeder ein Asylgesuch stellen könne, ungeachtet der Aussicht auf Erfolg. «Das unterscheidet uns von einer Bananenrepublik. Es darf keine Willkür geben.»
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

??? „Ich kann Ihnen garantieren, dass es keine Diskriminierung von Roma im Kosovo gibt.“

Staatliche Diskriminierung nein, Armut ja Stuttgarter Landtagsabgeordnete informieren sich über die Lage im Kosovo

Von Michael Brandt

Baden-Württemberg setzte die Abschiebung von Roma aus Deutschland in die junge Republik Kosovo im September aus. Ausschlaggebend war die Angst, dass Roma in der früheren jugoslawischen Provinz diskriminiert würden. Jetzt besuchte eine grün-rote Delegation die Menschen vor Ort, um sich ein Bild über die Lage zu machen.

Antworten auf die Frage, ob die drei im Kosovo ansässigen Minderheiten Roma, Ashkali und Kosovo-Ägypter in dem jungen Land diskriminiert werden, gibt es viele. Zum Beispiel die der kosovarischen Ministerin für Integration, Flora Citaku: „Ich kann Ihnen garantieren, dass es keine Diskriminierung von Roma im Kosovo gibt. Unsere Verfassung unsre Gesetze und unser politischer Willen die Diskriminierung von Minderheiten verbieten.“ Eine ganz andere Antwort ist die von Verena Knaus von Unicef. Sie räumt zwar ein, dass sich seit ihrem letzten Bericht im Sommer 2010 viel zum Besseren verändert hat, aber Diskriminierung von abgeschobenen Roma gibt es für sie noch immer:“Aus Sicht der Kinder oder der schon abgeschobenen Personen hat sich leider nicht viel positiv verändert.“ Einerseits hat die Regierung Hilfsprogramme aufgestellt und Geld zur Verfügung gestellt um Diskriminierungen zu verhindern. Auf der anderen Seite greifen die Programme nicht zwischen diesen beiden Wahrheiten suchten acht Parlamentarier aus dem baden-württembergischen Landtag einen Weg – und der führte sie zunächst dahin, wo auch die Abgeschobenen ankommen. Beim Projekt URA – auf Deutsch: Brücke – die die Rückkehrer aufnimmt, wenn sie auf dem Flughafen angekommen sind.

Es ist ein Haus in der Altstadt von Pristina. Hier gibt es zunächst ein Bett, etwas zu Essen und Ansprache für die Rückkehrer: „Unsere Büros sind nicht wirklich groß, aber unsere Arbeit findet nicht nur hier statt. Und Korad ist Jobvermittler und unser Spezialist für Existenzgründungen und das macht man eben nicht vom Schreibtisch aus.“ URA wird vom Bundesinnenministerium und mehreren Bundesländern unterstützt und Brigitte Budde ist die Chefin eines kleinen Teams von Psychologen, Sozialberatern und Arbeitsvermittlern, die sich um die Neuankömmlinge kümmern: Erstbetreuung, Sprachkurse, Hilfe beim Beschaffen einer Wohnung, von Wohnungseinrichtung oder einer Existenz. In der kosovarischen Verfassung sind die Rechte der Minderheiten verbrieft, und zu denen gehört auch, dass sie – unabhängig vom Ergebnis der Wahlen, vier Abgeordnete stellen. Drei von ihnen treffen ihre Kollegen aus Baden-Württemberg, und Danush Ademi berichtet von der sehr schwierigen wirtschaftlichen Situation vor allem für die Angehörigen ihrer Völker: „Wir haben eine Arbeitslosenquote von etwa 46 Prozent, 18 Prozent unserer Bürger leben in extremer Armut und 90 Prozent von diesen 18 Prozent gehören unseren Minderheiten an.“ Staatliche Diskriminierung nein, Armut ja, soweit das erste Fazit – und dann nimmt die Diskussion unter Abgeordneten einen unerwarteten Verlauf. Eine dringende Bitte habe er noch an die Kollegen aus Deutschland, sagt Xevdet Neziraj: „Wir haben kein Interesse daran, dass Sie unsere Leute abschieben. Wir sind hier dabei, die Bedingungen für ihre Rückkehr zu schaffen, aber das ist frühestens 2020 so weit.“ Mit anderen Worten: Den Abgeordneten wäre es am liebsten, die kosovarischen Roma bleiben, wo sie sind, dann machen sie ihren Angeordneten daheim schon keine Probleme. Und darauf, dass die Abgeordneten der Minderheiten nicht gerne Problem haben, weist ihre Kollegen aus Baden-Württemberg am nächsten Tag ein Mitarbeiter des Roma Documentation Center in Pristina hin. Er legt eine Statistik vor, nach der die Herren höchstens fünf Prozent der Parlamentssitzungen besuchen. Nächster Ortstermin ist ein Romaviertel in Fush-Kosovo. Der Delegationsbus quält über einen verschlammten Schotterweg, auf der einen Seite liegt eine offene Müllhalde, links ein paar elende Hütten und dann plötzlich ein nagelneues Backsteinhäuschen, ein Projekt des Arbeiter-Samariter-Bunds. Und drinnen lebt ein Musterroma, der – wie er berichtet – inzwischen sogar einen Job bei der Gemeinde hat: „Ich war von 1998 bis 2004 in Deutschland, bin dann freiwillig zurückgekehrt. Als Unterstützung bei der Rückkehr habe ich eine Kuh bekommen.“ Eine Kuh, wurde den Abgeordneten erklärt, kann im Kosovo eine Existenzgrundlage sein. Wo denn die Kuh sei, fragt ein CDU-Mann Karl Zimmermann daraufhin. Verkauft, antwortet der Roma, er sei krank gewesen und musste sie verkaufen. Ein wenig misstrauisch schaut Zimmermann daraufhin auf den metergroßen Flachbildschirm, der im Wohnzimmer flimmert. Er fragt sich, ob er nicht ein Teil dieser Krankheit war. Merkwürdigkeiten gibt es reichlich im Kosovo. Ein Mitarbeiter aus dem Büro für Rückkehrer im örtlichen Rathaus kommt der Delegation hinterhergelaufen und will auch sein Anliegen noch loswerden. Wir kennen es mittlerweile schon: „Nicht zurück diese Menschen, big Problem keine Platz, kein Geld, keine Schule, rückbesitzen für zehn Jahre in Deutsch.“ In der Kleinstadt Peja schließlich trifft die Delegation auf ein weiteres Projekt, das zumindest von außen wie eine erfolgreiche Rückführung von Roma aussieht. Eine ganze Familie ist aus Deutschland zurückgekehrt, lebt jetzt im Haus des Schwagers und betreibt dort ein kleines Internetcafé. Der 17-jährige Ali, der bei Oldenburg aufgewachsen ist, erklärt jedoch rundweg, dass er bei nächster Gelegenheit wieder nach Deutschland zurückkehrt. „Deutschland war viel besser. Ich hab immer Geld gehabt, ich konnte immer machen, was ich wollte.“ Der ein oder andere Abgeordnete runzelt die Stirn. Rosig ist die Situation der Menschen hier nicht, urteilt etwa CDU-Mann Werner Raab, aber festzustellen sei auch …

„Es herrscht Sicherheit. Es wird niemand diskriminiert und verfolgt.“ 

Und die Grüne Ausschussvorsitzende Berate Böhlen erklärt, dass sich Kosovo ganz anders dargestellt habe, als sie es erwartet habe – und dann bringt sie es so auf den Punkt „Die Roma werden nicht diskriminiert, sie haben aber auch nicht wirklich eine Teilhabe an der kosovarischen Gesellschaft.“