»Unsere Zukunft in Europa wird in Frage gestellt«

Versorgerin 2010
Emil Rabe traf die österreichische Romni und Künstlerin Marika Schmiedt zum Gespräch.

Dein Film »Eine lästige Gesellschaft« ist eine Spurensuche nach Hinweisen über das Schicksal Deiner Großmutter unter der Herrschaft des NS-Regimes. Am Mittwoch, den 22. September 2010 zeigt die Stadtwerkstatt zwei Filme Deines neuen Projekts »VISIBLE«.

Was ist das Thema von VISIBLE?

VISIBLE ist eine Portrait-Reihe von Überlebenden des Konzentrationslagers Ravensbrück. In den Filmen werden Interviews mit den »Ravens-brückerinnen« ergänzt durch Gespräche zwischen Müttern, Töchtern und Söhnen. Es geht um das Verhältnis der verschiedenen Generationen zur Erinnerung und Aufarbeitung des Erlebten, darum, den Blick auf die heutigen Auswirkungen der damaligen Verfolgung durch das NS-Regime zu werfen. Unter den interviewten Frauen finden sich u.a. Ceija Stojka, die in Ravensbrück, Auschwitz-Birkenau und Bergen Belsen inhaftiert war, die Kärntner Slowenin Anna Kupper, die als Widerstandskämpferin die PartisanInnen unterstützte, und Katharina Thaller, die als Zeugin Jehovas verfolgt wurde. Der Lebensalltag der Frauen mit ihren Erinnerungen, den Folgen des Erlebten für die gegenwärtigen Beziehungen zu ihren Kindern und Enkeln und deren Umgang damit könnte vor allem für jüngere ZuschauerInnen die Bedeutung der Geschichte für die heutige Situation sichtbar machen.

Die Auswirkungen des Nationalsozialismus sind Teil meines Alltagslebens, sie haben mich und uns geprägt. Viele Menschen haben damit aber ein Problem. Ihnen scheint es unmöglich, dieses Unvorstellbare, das gleichzeitig ganz vorstellbar ist, zu erfassen. In VISIBLE versuche ich – wie in meinen anderen Filmen – einen Denk-Raum dafür zu öffnen. Ich habe den Eindruck, dass mir das auch manchmal gelingt.

Roma und Antiziganismus sind gegenwärtig in Medien und Zivilgesellschaft immer wieder präsent. Wie siehst Du diese Entwicklung?

Ja, warum diese Präsenz? Oder besser gefragt: welche Art von Präsenz meinst du? Am Internationalen Roma Tag haben Barbara Prammer und mehrere Roma- und Sinti-Organisationen heuer unter dem Titel »Welche Zukunft haben Roma in Europa?« zu einer Veranstaltung ins Palais Epstein eingeladen – eine solche Präsenz empfinde ich als neuerliche Diskriminierung. Unsere Zukunft in Europa wird, scheint’s, immer wieder in Frage gestellt. Ich denke, dass wir solche Veranstaltungen, leere Worte, Versprechungen und Almosen nicht brauchen, dass es vielmehr dringend notwendig wäre, dass wir Roma uns stärker autonom vernetzen, dass wir uns organisieren und wehren und konkrete Forderungen formulieren. Ich bin in meiner Arbeit heute noch mitten in der Auseinandersetzung mit den Auswirkungen der Verfolgung unserer Leute im Nationalsozialis-mus, während sich in Frankreich, Italien, in ganz Osteuropa bereits der nächste Wahnsinn zusammenbraut, eine neue Welle von Gewalt, Vertreibung und Mord an dort lebenden Roma.

Für mich ist das schon schlimm genug, aber im Kontakt mit KZ-Überlebenden wird mir immer klar, wie sehr dieser wiederauflebende Rassismus vor allem diese Menschen trifft. Die alten Roma, die im KZ waren, sagen mir ganz klar, dass sie – auch hier – um die Zukunft ihrer Kinder bangen. In unmittelbarer Nähe, in Plavecky Štvrtok – das ist ein slowakisches Dorf an der österreichischen Grenze – versuchen der Bürgermeister und die Bevölkerung mit massiven Mitteln, die dort seit Jahrzehnten lebenden Roma zu vertreiben. Seit kurzem dreht man ihnen jetzt untertags sogar das Wasser ab! Man lässt sie nicht mehr am sozialen Leben teilnehmen, sie dürfen nicht zum Kirtag ins Dorfzentrum kommen. Ihre kleinen Kinder werden in der Schule schikaniert und ihre Häuser sollen demnächst wegen angeblich fehlender Baugenehmigungen abgerissen werden. Was dann aus ihnen werden soll, das kümmert – auch bei uns – niemanden.
Die Diskussion um Roma dreht sich ständig um Bildung und Integration. Ungenügende Bildung, Arbeitslosigkeit und Armut sind aber produzierte soziale Probleme und kein »Roma-Problem«. RednerInnen bei der Veranstaltung im Parlament sprachen im Zusammenhang mit der Situation der Roma gar von einer »sozialen Zeitbombe«.

Auf diese Weise werden Klischees der Medien und Vorurteile unreflektiert reproduziert. Was mich auch stört, ist, dass alle ständig den Begriff »Minderheit« verwenden. Millionen Menschen der Volksgruppen der Roma und Sinti leben seit Jahrhunderten hier in Europa und werden dennoch als Minderheit bezeichnet, als Menschen, die zu Integration angehalten werden sollen. Hier in Österreich werden unsere Alten – und wir alle – tagtäglich durch den Sprachgebrauch an die Vernichtungsmaschinerie im KZ erinnert, wenn im Zusammenhang mit AsylantInnen von »Anhalte-Lagern« gesprochen wird. Dass eine solche menschenverachtende Grundstimmung und Sprach-Politik heute wieder möglich ist, ist schrecklich. Manchmal denke ich, es wäre vielleicht besser, wenn wir Roma aus Europa auswandern würden, aber wohin? Wir haben keinen Staat.

Wie kann es sein, dass 65 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus Antisemitismus, Hetze und Gewalt gegen Roma weiterhin an der Tagesordnung sind?

In Österreich ist der Grund nach wie vor eine oberflächliche oder fehlende NS-Aufarbeitung. Ich erzähle dir dazu zwei Beispiele. Für die Dreharbeiten zu »Eine lästige Gesellschaft« war ich in Auschwitz. In der Gedenkstätte haben die verschiedenen Nationen der Auschwitz-Häftlinge einen eigenen Raum zur Verfügung, um die Geschichte des Landes zu erzählen. Im Österreich-Raum steht auf einer Tafel, dass Österreich »1938 das erste Opfer des Nationalsozialismus« gewesen wäre. Österreich – ein Opfer? 99% der Bevölkerung haben bei der Abstimmung 1938 damals für den »Anschluss« gestimmt! Die Tafel mit dieser Sicht der Geschichte, die Österreich als Opfer der Nazis darstellt, ist heute noch dort. In Wien hängt in der Bundespolizeidirektion am Schottenring eine Gedenktafel. Gedacht wird darauf in einem Atemzug den Opfern und Tätern des Nationalsozialismus. »Schutzpolizisten«, so heißt es im Text wortwörtlich, seien
»zu Verbrechen an Juden und anderen Opfern missbraucht« worden. Auf Anfrage nach langem Warten – waren schließlich PolizistInnen bereit, dazu vor der Kamera Stellung zu beziehen. Die unabdingbare Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern im Nationalsozialismus war manchen völlig unbekannt. Bezeichnend war auch, dass der Nationalsozialismus mit Ausdrücken wie »diese Zeit« umschrieben wurde.
Dieses schreckliche Gleichmachen, Gleichsetzen von Opfern und Tätern, durch die der Wahnsinn der Ideologie des Nationalsozialismus ausgeblendet wird, ist, denke ich, weniger eine Folge mangelnder Information, sondern eine Frage der Haltung. Die meisten ÖsterreicherInnen – das erscheint mir wesentlich – sehen sich als Unbeteiligte.
Das ist das Grundproblem – alle glauben, sie seien unbeteiligt an dem, was war und was ist. Für mich liegt ein Teil des Problems auch darin, dass in der so genannten Mehrheitsgesellschaft eine intensive Aufarbeitung und Aufklärung der eigenen Geschichte auch kaum möglich ist, weil die Lebenszeit der Menschen in die Maschinerie der Lohnarbeit eingespannt ist. Es mangelt schlicht an der nötigen Zeit zum Nachdenken. Zeit und Reflexion werden bis heute nicht als Notwendigkeit und Voraussetzung für ein respektvolles Miteinander gesehen, vielmehr hält man sie für einen Luxus, der kaum jemanden interessiert.
Selbstinszenierung und Konformismus haben dadurch überhand genommen, Zivilcourage ist out.

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