Unter Ceausescu gab es keine Roma

ROMA Romeo Tiberiade berichtete in Neukölln über seine Arbeit als Beauftragter für die Angelegenheiten der Roma in seinem Bezirk in Rumänien. Fehlende Papiere und mangelnde Bildung sind ihre größten Probleme

VON LISA FORSTER

„Revision“, der Dokumentarfilm über den nie aufgeklärten Fall zweier Familienväter aus Rumänien, die 1992 an der deutsch-polnischen Grenze von Jägern erschossen wurden, zieht seine Kreise nicht nur auf der Berlinale. Im Mehrgenerationenhaus in Neukölln organisierte die interkulturelle Jugendselbstorganisation Amaro Drom am Montag eine Informationsveranstaltung mit Romeo Tiberiade. Er stammt wie die beiden Toten aus dem Bezirk Dolj und kannte einen der beiden persönlich. In Philip Scheffners Film ist er in seiner Funktion als Beauftragter für die Angelegenheiten der Roma in seinem Bezirk zu sehen.

In Neukölln spricht Tiberiade über die vielen Missstände, von denen er durch seine Arbeit erfährt. Roma, sagt er, seien in Rumänien Opfer ethnischer Diskriminierung von behördlicher, wie auch von gesellschaftlicher Seite. Drei Viertel der geschätzten 2,2 Millionen Roma in Rumänien leben in Armut und abgeschottet in meist abgelegenen Wohngebieten. Sie hätten weder Zugang zu Bildung und Arbeitsplätzen, erklärt er, noch dauerhafte Personaldokumente. Stattdessen müssen sie mit provisorischen Personalausweisen Vorlieb nehmen, die ihnen kein Recht auf Arbeit und Ausreisemöglichkeiten in die EU gewähren.

Den Grund für die Abschottung und Diskriminierung der Roma sieht Tiberiade vor allem in der fehlenden staatlichen Unterstützung. Die Lage der Roma sei zwar immer wieder Gegenstand von Regierungsuntersuchungen, in denen auf die Rechte der Roma hingewiesen wird. Dennoch werden die existierenden Gesetze gegen die Diskriminierung der ethnischen Gruppe praktisch von den Behörden nicht angewandt.

Tiberiade hat es aber geschafft, zumindest im Landkreis Dolj dieses Problem anzugehen. Der Landkreis wandte sich an das Europäische Parlament und stellte einen Antrag auf dauerhafte Identitätsdokumente, die aus dem Budget der Entwicklungshilfe für Rumänien finanziert werden sollten. Als der Antrag bewilligt wurde, fuhren die Behörden von Dolj mit einem mobilen Büro durch den Landkreis, um die Dokumente auszustellen.

Für die 85.000 Roma, die im Landkreis leben, wurden nach und nach Personalausweise ausgestellt, bis zum heutigen Tag seien es rund 4.000 Stück – eine immer noch erschreckend geringe Zahl.

Darüber hinaus engagiert sich Tiberiade, der selbst einen Hochschulabschluss in Geschichte hat, in einer Nichtregierungsorganisation, die Schülern zu besseren Bildungschancen und Hochschulplätzen verhilft. Dazu gehöre zum Beispiel die Wahrnehmung von Quotenstudienplätzen für Minderheiten in Rumänien, wodurch seine Organisation immerhin bereits knapp 300 Studienplätze vermitteln konnte.

Eine von Stereotypen, Feindschaft und Abneigung geprägte Einstellung gegen die Roma und eine damit einhergehende staatliche und gesellschaftliche Diskriminierung und Verfolgung reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück, sagt Tiberiade. Ein besonders starkes Ausmaß habe sie seit Mitte des 19. Jahrhunderts unter dem Herrscher Alexandru Ioan Cuza angenommen, der die Leibeigenschaft der Roma einführte. Während der Herrschaft des faschistischen Ministerpräsidenten Ion Antonescu von 1940 bis 1944 wurden mehrere Zehntausend Roma nach „Transnistrien“ deportiert, wie das besetzte Gebiet im Osten Moldawiens hieß, das von 1941 bis 1944 an Rumänien angeschlossen war.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden von der Regierung unter Gheorghe Gheorghiu-Dej vereinzelte Schritte zur Anerkennung der Roma in der Öffentlichkeit unternommen. Unter der Herrschaft des Diktatoren Nicolae Ceausescu wurde eine offene Diskriminierung und Verfolgung der Roma sogar verboten, gleichzeitig leugnete die Herrschaft gegen Ende ihrer Regierungszeit jedoch die Existenz einer ethnischen Minderheit der Roma. Eine Möglichkeit, aus der Verbannung aus der Öffentlichkeit zu kommen, bot sich nur denjenigen Roma, die zur Assimilation bereit waren.

Nach der Revolution von 1989 und dem Ende des kommunistischen Regimes wurde ein Großteil der Roma aus den Erwerbsmöglichkeiten, die ihnen die planmäßige Industrialisierung des Landes auferlegt hatte, entlassen. Obwohl die Menschen zu verschiedenen Handwerksberufen gezwungen worden waren, habe sich für die Roma in dieser Zeit immerhin der Zugang zu Bildungsstätten verbessert und eine berufliche Sicherheit existiert, wie eine aus Rumänien stammende Besucherin des Abends erklärt.

Nach der Öffnung der Grenzen reiste Tiberiade im Jahr 1990 zusammen mit seiner Familie und vielen anderen Roma über Polen nach Deutschland. Sie lebten in einem Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen. Tiberiade beschreibt, wie Neonazis vor den Fenstern der Wohnungen lauerten und die Asylbewerber daran hinderten, ihre Zimmer zu verlassen, während die Besorgungen und Einkäufe der Menschen von den Angestellten des Heims erledigt werden mussten. Tiberiade war, wie viele seiner Freunde und seine Familie, eingesperrt und verharrte in einem Zustand ständiger Angst.

Bei den Ausschreitungen von 1992 hatte seine Familie anders als viele Bewohner zumindest das Glück, Räume auf der Seite der Straße zu bewohnen, die nicht von Neonazis mit Molotowcocktails bombardiert wurde. Schließlich wurden sie evakuiert und kamen in ein anderes Flüchtlingsheim „irgendwo im Wald“, von dem Tiberiade bis heute nicht weiß, wo es lag. Von diesem Zeitpunkt an lebten sie in ständiger Alarmbereitschaft, wie er erklärt.

Gerade arbeitet Romeo Tiberiade an einem Film, der über die historische Verfolgung der Roma aufklären soll. Er werde weiter kämpfen, sagt er am Ende des Abends.

Die Gesetze gegen die Diskriminierung der Roma werden praktisch nicht angewandt

(taz.de)

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