Der Tod dreier Roma-Mädchen in Frankreich wirft Fragen auf

Mädchen auf französischer Autobahn überfahren
„Wären weiße Kinder auch ignoriert worden?“

Von Charlotte Frank

Bei dem Versuch, nachts die vielbefahrene A 7 zwischen Marseille und Lyon zu überqueren, erfasste sie ein Auto: Der Tod dreier Roma-Mädchen in Frankreich wirft Fragen auf – danach, wo die Schwestern hinwollten und warum sie niemand aufgehalten hat. Auch an der Diskussion über Diskriminierung in Frankreich führt kein Weg vorbei.

Es war keine Flucht, so weit sind sich die Ermittler sicher, jedenfalls keine Flucht vor den Eltern. Es gab genug anderes im Leben von Carmen, 12, Charlotte, 13, und Victorine, 19, vor dem sie hätten fliehen können: die Armut der Roma in Frankreich, die Enge in der Wohnung mit den 15 Geschwistern, die Gewalt in den staubigen Wohntürmen im Norden von Marseille. Die drei Schwestern kehrten, und nur das ist bislang sicher, nie dorthin zurück. Am vergangenen Freitag wurden Carmen, Charlotte und Victorine überfahren, mitten in der Nacht, mitten auf der Autobahn.

Ihr Tod in der Nacht zum vergangenen Samstag gibt den Franzosen Rätsel auf: Was suchten die Mädchen auf der vielbefahrenen A 7 zwischen Marseille und Lyon? Wohin wollten sie? Warum hat niemand sie aufgehalten, warum hat die Familie sie nicht als vermisst gemeldet? Es werden mehr Fragen, von Tag zu Tag, und je länger sie ungeklärt bleiben, desto heftiger werden die Vorwürfe, desto größer wird der Zorn. Zuletzt hat die Familie der Mädchen eine Klage gegen die staatliche Bahngesellschaft SNCF angedroht, wegen unterlassener Hilfeleistung.
Anwalt der Familie wirft Schaffner schweres Versagen vor
Es war Freitagabend, kurz nach 21 Uhr, als ein Kontrolleur die Schwestern am Bahnhof von Pierrelatte aus dem Zug wies, auf halber Strecke zwischen Marseille und Lyon. Sie hatten keine Tickets dabei und keine Papiere, und, das behauptet jedenfalls ein Sprecher der SNCF, der Schaffner habe sie für volljährig gehalten. „Der Mitarbeiter hat den Mädchen gesagt, sie könnten, wenn sie unter 18 seien, die Hilfe der Polizei anfordern“, erklärt er. An diesem Punkt sieht der Anwalt der Familie schweres Versagen: „Der Bedienstete hätte sofort die Polizei rufen müssen“, sagt er. Mindestens ebenso fragwürdig wie die Kontrolleure verhielten sich Mitarbeiter der Autobahnwache, die die Schwestern um 22.30 Uhr auf dem Seitenstreifen der A 7 erblickten: Alles, was sie taten, war, die drei aufzufordern, hinter die Leitplanke zu weichen. Die Mädchen weigerten sich. Eine Stunde später waren sie tot.
Um 23.40 Uhr hatten sie aus unklaren Gründen die Straßenseite wechseln wollen – auf der Autobahn, in der Finsternis, zu Fuß. Sie nahmen sich an der Hand, aber schafften es nicht. Auf der Mittelspur riss ein Auto sie mit sich – 15 Kilometer vom Bahnhof in Pierrelatte entfernt. Was wollten die Mädchen dort, und wie waren sie so schnell dorthin gekommen?
„Die werden sich gesagt haben: ‚Schon wieder Roma! Raus mit denen'“
Staatsanwalt Antoine Paganelli versucht es mit einfachen Antworten. „Die drei wollten auf dem schnellsten Weg nach Hause“, erklärte er, deshalb seien sie auf die A 7 gelaufen. Dass sie sich dort aufhielten, hing auch mit ihrer „Unfähigkeit zu reisen“ zusammen, fügte er vage hinzu. Das heizt die Spekulationen weiter an.
Längst dreht sich die Diskussion nicht mehr nur um den Tod der Mädchen, längst berührt sie auch Themen wie die Diskriminierung der Roma in Frankreich und den latenten Rassismus im Süden des Landes. „Meine Nichten waren sehr dunkel, da wird sich die SNCF gesagt haben: ‚Schon wieder Roma! Raus mit denen'“, sagte der Onkel der Mädchen. Auch die Antirassismus-Vereinigung MRAP schaltete sich ein und unterstützt die Familie der Opfer: „Wie kann das sein, dass drei Kinder mitten in der Nacht ausgesetzt werden, ohne dass der Kinderschutz oder die Polizei eingeschaltet werden?“, fragt ein Sprecher des Vereins – und schiebt hinterher: „Wären weiße Kinder auf der Autobahn auch ignoriert worden?“

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