Tina Leisch «Die Gedanken sind frei» Ausstellung am Baustellenzaun

Sehr geehrte Damen, Herren und Transgender,

Können Sie es sich leisten, ohne politische, engagierte Kunst und Kultur zu leben?
Brauchen sie keine Hip-Hop und Street-Art-Workshops, weil es Ihnen egal ist, ob die Kids im Gemeindebau gemeinsam Saltos lernen oder  sich in – oft noch nach ethnischen Kriterien gegeneinander abgegrenzten – Banden und Gangs  in die Goschn hauen, weil Ihre Kinder jenseits der Gefahrenzone leben, da Sie sie ja eh von zuhause im Auto in die Musikschule und zum Ballettunterricht führen?
Glauben sie, es sich leisten zu können, auf transkulturelle Theaterprojekte zu verzichten, in denen die tatsächlich vorhandenen religiösen, ökonomischen und weltanschaulichen Minenfelder zwischen Menschen verschiedenen Backgroundes thematisiert, analysiert, vielleicht auch persifliert werden?
Vielleicht, weil Sie dieses Konfliktpotential gar nicht wahrnehmen- in ihrem Bekanntenkreis gibt es, wenn überhaupt, nur immigrierte Menschen mit Hochschulabschluss, die zumindest so tun, als dächten sie so wie Sie, da können Sie behaupten, dass interkulturelle Konflikte eine Erfindung von RassistInnen  seien?
Oder weil Sie – im Gegenteil sich klammheimlich über jeglichen solchen Konflikt freuen, dient er doch ganz wunderbar dazu, die Ressentiment gegen Immigration und immigrierende Menschen anzuheizen?
Können Sie es sich leisten, auf  Experimente ad hoc realisierter Utopien wie sie z.B. die Stadtwerkstatt immer wieder ausbrütet, zu verzichten? Brauchen Sie keinen Gibling, weil Sie en masse Nehmlinge besitzen, die für Sie arbeiten?
Brauchen Sie  keine künstlerischen Interventionen, die im öffentlichen Raum Klippen errichten, an denen sich die Durchkapitalisierung aller Lebensbereiche zu Sturzwellen bricht, weil Sie sich eh alles kaufen können und einer Konfrontation mit der Tatsache, dass das nicht für alle Menschen so ist, sowieso lieber aus dem Weg gehen?

Sie wollen Kunst und Kultur wie Mozartkugeln: Man gibt ein Geld her und kriegt dafür einen Genuss, und zwar genau den Genuss, den weiße, christliche, der Mittel- bis Oberschicht angehörenden, gut gebildete Menschen mit Bundesländerhintergrund gelernt haben, als solchen zu begreifen? Denken Sie: „Genau das soll der Staat bezahlen. Für die Proleten gibt’s schließlich Fussball!“?

Die aus Linz stammende und in Wien lebende Künstlerin Marika Schmiedt kann es sich nicht leisten, auf politische Kunst zu verzichten. Sie arbeitet nicht an Bildern,  die im Wartezimmer der Zahnarztpraxis Schmerzen lindern können. Im Gegenteil: Sie macht Collagen, Bilder, Filme, die weh tun. Sie muss.  Als Romni kann sie nicht anders, als die überall wahrgenommene Diskriminierung von Roma und Sinti zum Thema zu machen. Empörung, Wut, Verzweiflung spricht aus ihrer Arbeit.
Als Marika Schmiedt im April im Rahmen einer von der Stadtwerkstatt und der Galerie Hofkabinett veranstalteten Ausstellung ihre politischen Collagen in der Tradition von John Heartfield oder Klaus Staeck an einen Bauzaun anschlug, wurde sie von  einer Fremdenführerin attackiert, die auch einige von Schmiedts Werken herunterriss. Die Anprangerung der Diskriminierung von Roma durch die rechte Regierung Victor Orbans schien der aus Ungarn stammenden und offensichtlich mit äußerst rechten Kreisen verkehrenden Fremdenführerin eine Beleidigung ihrer Heimat. Doch dabei blieb es nicht: Nach der Eröffnung der Ausstellung „Die Gedanken sind frei“ durch den Linzer Kulturdirektor Dr. Stieber und in Anwesenheit von Bürgermeister Dr. Dobusch und Stadträtin Mag.a Schobesberger, kümmerte sich der Verfassungsschutz um Schmiedts Kunstwerke- und ließ alle 31 Collagen polizeilich entfernen. Ein Fall unfassbarer staatlicher Zensur eines von offizieller Stelle geförderten Kunstprojektes, auf dessen Fortgang – die Stadtwerkstatt erstatte Anzeige gegen die Entfernung, die Fremdenführerin erstattete Anzeige gegen Marika Schmiedt- man in höchstem Maße gespannt sein darf. Werden die Gerichte urteilen, dass der Verfassungsschutz Recht hatte und Roma in Österreich höchstens als Objekte des Mitleids oder der Fürsorge öffentlich auftreten dürfen, niemals aber in der Gestalt einer selbstbewußten, kämpferischen, mit den friedlichen und bescheidenen Mitteln der Kunst auch einmal zurückschlagenden Frau?
Wird das Begehren derer, die den öffentlichen Raum auf eine Sphäre möglichst reibungsloser Abwicklung von Geschäften zu reduzieren suchen, Oberhand gewinnen über diejenigen, die demokratische Öffentlichkeit als den Raum der Aushandlung von Konflikten und Kunst als die spielerische Form ihrer Thematisierung begreifen?
Darf eine Orbananhängerin selbst in Österreich Kritik an ihrem rechten Führer und Idol unterdrücken?
All diese Fragen hat Marika Schmiedt nicht nur aufgeworfen, sondern als Konfliktprozess in Gang gesetzt. Sie hat ein Werk geschaffen, das Institutionen zwingt, brennende gesellschaftliche Fragen zu verhandeln.
Und doch verdient sie als Künstlerin vermutlich weniger als die Garderobiere, die auf Ihren Mantel aufpasst, wenn Sie sich im neuen Linzer Mozartkugelmusiktheater den Zigeunerbaron geben.
Ich wage zu behaupten: Die große Mehrheit der Menschen kann es sich in keinster Weise leisten, auf die Werke von KünstlerInnen wie Marika Schmiedt zu verzichten. Wer will, dass die Verhältnisse gerechter und die Welt, vor allem die Welt der Ärmeren Leute schöner wird, braucht solche Kunst. Leider wissen viele derer, die sie dringend bräuchten, das noch nicht. Das kann unter andrem durch mehr Subventionen für engagierte, politische Kunst geändert werden.

Herzliche Grüße

Ihre Frau Leisch

(Radio FRO Programmheft Nr. 12)

Vernissage am Baustellenzaun

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