Null-Toleranz gegenüber den Verhältnissen

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Simone Schönett
Die Schriftstellerin Simone Schönett im Gespräch mit Marika Schmiedt.

Deine Grafiken spiegeln reale Verhältnisse. Angegriffen werden aber sie, und nicht etwa die realen Verhältnisse selbst. Absurd?

Meiner Erfahrung nach war es immer schon so, dass man jene kritisiert, die auf die Verhältnisse aufmerksam machen – und nicht die Verhältnisse selber kritisiert. Insofern ist das auf keinen Fall verwunderlich. Aber nervig, und es ärgert mich, denn die Plakate sind ja nichts im Verhältnis zu den Zuständen. Es gibt täglich neue Belege dafür, was in Europa los ist.
Man kann es wissen, wenn man es wissen will. Aber wenn es einen nicht selber betrifft, neigt man dazu, nichts wissen zu wollen, die Verhältnisse auszublenden, und zwar vollkommen auszublenden. Das ist für mich das Schreckliche. Unbegreiflich: Die Mehrheitsgesellschaft neigt dazu, ganze Teile der Realität auszublenden – und das betrifft nicht nur Roma. Ich kann nicht nachvollziehen, wie man das so von sich abtrennen kann, von wegen: Das geht mich nichts an, was hat das mit mir zu tun?
Beim Nachdenken über die heftigen Reaktionen, die die Plakate auslösten, habe ich meine bisherigen Arbeiten reflektiert. Und im Zusammenhang damit festgestellt, dass man sich den Bildern nicht entziehen kann, sie machen etwas mit einem, rufen vor allem auch die Rechten auf den Plan, aber auch viele andere Leute; sie lösen etwas aus, Positives und Negatives. Zu dem Vorfall in Linz gibt es ein »österreichisches Politikforum« mit 553 Einträgen. Zum Teil Kommentare wie: das sei keine Kunst, sei reine Hetze, diffamierend, geschmacklos. Oder der Vorwurf, so eine Arbeit bewege nichts. Das sehe ich anders. Meine Arbeit bewegt jedenfalls – die Gemüter.

In der Rezeption deines Kunstprojektes »Die Gedanken sind frei« fiel nie der Untertitel: »Angst ist Alltag für Roma in Europa«. Fällt da im Ausblenden des Untertitels nicht schon das Entscheidende weg?

Meine Plakate beziehen sich auf ganz Europa, auch auf Österreich. Aber die Medien haben sich hauptsächlich auf Ungarn konzentriert. Der Untertitel hat scheinbar niemanden interessiert, was ja schon wieder klassisch ist.

Die Linzer Polizei behauptet, sie habe im Auftrag des Bundesamtes für Verfassungsschutz die Plakate entfernt, und man habe dich kontaktiert. Was ist das für ein Gefühl, mit solchen Behauptungen konfrontiert zu sein?

Es ist mühsam, dass ich mich überhaupt mit so was beschäftigen muss. Und diese Absurdität, mit der ich da konfrontiert werde, nervt.

Wie fühlt man sich, wenn man antirassistische Kunst zeigt – und dann die Arbeiten wegen angeblicher Verbreitung rassistischer Inhalte angezeigt werden?

Einsam. Bedenklich auch, wie schnell die Rechten reagieren, und wie lange es bei Leuten dauert, die wie ich im antirassistischen Kontext arbeiten. Auch von KuratorInnen, mit denen ich schon gearbeitet habe, gab es keine Reaktion. Reagiert haben nur wenige, oft Leute, die mich gar nicht kennen. Und die Medien haben ja auch erst einen Monat nach dem Vorfall in Linz berichtet.

Wäre dieser Skandal in Linz auch passiert, wenn du keine Romni wärst?

Das kann ich nicht beantworten. Wäre ich keine Romni, hätte ich die Ausstellung gemacht? Jede Antwort auf die Frage wäre reine Spekulation. Aber das Medium Plakat, genau diese Form des Ausdrucks, öffentlich, hat mit meiner Geschichte zu tun. Mit der meiner Großmutter, der meiner Mutter – und meiner eigenen. Damit beschäftige ich mich schon seit 1999. Und je älter ich werde, desto weniger Toleranz kann ich für die herrschenden Verhältnisse aufbringen, nämlich Null-Toleranz. Ich kann die Verhältnisse nicht schönreden. Und das möchte ich auch nicht.

Waren die Reaktionen auf die Grafiken überraschend? Oder hast du damit gerechnet?

In der Form war es schon überraschend. Dass die Plakate vielleicht nicht lange hängen oder beschmiert werden, ja, damit musste man rechnen. Aber die ungarische Fremdenführerin hat mich schon überrascht. Dass ich schon vor der Eröffnung verhindern muss, dass die Ausstellung zerstört wird, das hat mir bewusst gemacht, wie gut organisiert die ungarischen Nationalen auch in Österreich sind, dass sie gute Kontakte zur Politik haben. Das ist die Erkenntnis, die ich gewonnen habe.
Der Vorfall in Linz hat mir auch wieder gezeigt, dass für mich eine Reise nach Ungarn mittlerweile unmöglich ist. Ich müsste um mein Leben fürchten. Oder man würde mich einsperren, und ich bekäme eine unverhältnismäßig hohe Strafe, 20 Jahre wegen Diffamierung des ungarischen Volkes. Aber wenn ich das sage, dann sind die Reaktionen hier: Dann fährst du halt eben nicht nach Ungarn, hör ich oft. Dass dies meine Freiheit beschneidet, ist vielen gar nicht klar. Wenn ich etwa nach Serbien reisen will, mit dem Zug, dann muss ich durch Ungarn fahren. Was aber, wie gesagt, nicht mehr geht. Und das in der EU, die immer Demokratie propagiert. Ungarn ist so nahe an Wien. Und was dort passiert, wird einfach ignoriert.

Printmedien reagierten erst einen Monat nach dem Vorfall. Wie beurteilst du das?

Ich glaube schon, dass es daran liegt, dass es hier um Roma geht. Das interessiert niemanden – sonst hätten wir ja nicht diese Verhältnisse. Wenn die Stadtwerkstatt nicht von Anfang an so couragiert gehandelt hätte, wäre da sicher noch mehr Zeit vergangen. Aber leider ist es so. Erst wenn die Printmedien etwas bringen, positionieren sich auch andere. Würde man in den Medien die ungarischen Verhältnisse ernst nehmen, müsste ja tagtäglich darüber berichtet werden. Aber das passiert eben nicht.

In den »Oberösterreichischen Nachrichten« stand, die Polizei hätte am Baustellenzaun, »mehrere Personen« angetroffen, die durch deine Plakate »sehr verstört« waren…

In dem Zusammenhang fällt mir ein, dass ein paar Tage nach der Ausstellungseröffnung im Kalender des oberösterreichischen Seniorenbunds der ÖVP gegen Sinti und Roma gehetzt wurde: »Diese Volksgruppe handelt sehr skrupellos und beutet ihre Opfer oft bis zur wirtschaftlichen Vernichtung ihrer Existenz aus.« Es gab kurze Empörung. Den Text hat der Seniorenbund von der Linzer Polizei erhalten – der das erst in einer späteren Pressemitteilung leid tat…

Die Stadtwerkstatt fordert eine Neuinstallation deiner Ausstellung in der Eingangshalle der Bundespolizeidirektion Linz. Hättest du nach diesem Skandal noch Lust dazu?

Ich bezweifle, dass eine Neuinstallation in der Bundespolizeidirektion stattfinden wird. Fände ich aber wichtig. Ich würde sofort ein verpflichtendes Seminar für Bewusstseinsbildung anbieten, zusätzlich zur Neuinstallation der Ausstellung. Aber dazu wird es eher nicht kommen.

Mittlerweile sind ja auch rechtsradikale Plattformen auf deine Arbeiten und dich aufmerksam geworden. Ist der Untertitel deiner Ausstellung »Angst ist Alltag für Roma in Europa« nun auch für dich real geworden?

Ja, das kann man sagen, der Untertitel ist real geworden. Ich bin vorsichtiger geworden, ich schaue noch genauer. Das ist ein unangenehmes Gefühl, das ich wahrscheinlich nicht mehr los werde. Aber es wird mich auf keinen Fall davon abhalten, weiter zu machen. Die rechte Ideologie ist so weit verbreitet, hat sich so fest gebrannt in den Hirnen; ein Virus, das sehe ich, lese ich, nehme ich wahr.

In einem Interview kehrst du einen Satz von Ingeborg Bachmann um. Du sagst: »Die Wahrheit ist den Menschen nicht zumutbar«.  

Ja, das stimmt. So scheint es.

Intervention im öffentlichen Raum erreicht viele. Sind noch weitere Ausstellungen der Grafiken geplant?

Natürlich wird es weitere Ausstellungen geben. Und am besten im öffentlichen Raum. Auf Litfasssäulen. Überall. Besonders gerne auf den Screens in den U-Bahnen. Aber das wird nicht stattfinden. Weil meine Grafiken zu zeitgemäß sind. Und es wahrscheinlich Jahre dauern wird, bis meine Arbeiten gezeigt werden können, ohne dass ich mich mit Verfassungsschutz oder Polizei auseinandersetzen muss.

Inwieweit wirkt sich dieser skandalöse Vorfall vom 14. April auf deine Arbeit aus – und auf dich persönlich?

Positiv – und negativ. Meine Arbeit und mein Anliegen werden bekannt, das ist positiv. Und dass sich einige Leute mehr solidarisieren und mit mir kämpfen. Negativ ist, dass dieser Vorfall so viel meiner Zeit eingenommen hat.

VERSORGERIN #98 Juni 2013

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Ein Gedanke zu “Null-Toleranz gegenüber den Verhältnissen

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