Pogrome Tschechien: „Roma sind keine Tauben, die Skinheads dagegen Habichte“

Die Stadt Ceske Budejovicy, die bei vielen Russen vor allem mit dem populären Bier „Budweiser“ assoziiert wird, wurde am vergangenen Wochenende von einem schrecklichen Zwischenfall erschüttert. Mitteilungen und Fernsehbilder über eine Massenaktion der Skinheads gegen die Roma, berittene Polizei, Spezialeinheiten, Wasserwerfer und Tränengas, die die Behörden angewandt haben, um Pogrome gegen die Roma nicht zuzulassen. All das passt so wenig zur Vorstellung von einem netten gemütlichen Tschechien, wo eine Erholung so angenehm ist. Übrigens gibt es einen Menschen, der sich über die Geschehnisse überhaupt nicht wunderte.

„Die Roma-Phobie ist schon seit langem eine unschöne Krankheit der Tschechen geworden“, bemerkt Doktorin für Geschichtswissenschaften Nadeschda Demetr, Vizepräsidentin der Internationalen Roma-Union:

„In Tschechien leben bis zu 300.000 Roma, das ist eine sehr zahlreiche nationale Minderheit. Interessant: Einerseits wird für sie dort viel getan, wovon man in Russland nur träumen kann. Es gibt beispielsweise eine Romafakultät an der Karls-Universität Prag, es gibt eine Partei der Roma, diverse gesellschaftliche und Rechtsschutzorganisationen, spezielle Inspektoren im Bildungsministerium verfolgen aufmerksam den Unterricht für die Roma. Andererseits stößt man in diesem Land überall auf Fakten der Diskriminierung der Roma. Dies nicht nur im Alltag. Seinerzeit arbeitete ich in der Zeitung ‚Romano kurko‘ (Romsky tyden), die auch heute in Brno herausgegeben wird. Dort also stellten wir eine Forschung an. Es erwies sich Folgendes: Von 1.000 Befragten haben 600 Menschen so oder so an der Diskriminierung Schaden genommen. Sie bekamen keine Arbeit, ihnen werden keine Wohnungen zu einem erschwinglichen Preis überlassen, ihre medizinische Behandlung wurde verweigert, ja man wollte einfach nicht neben ihnen wohnen.“

Worin wurzelt die tschechische „Roma-Phobie‘? Auch unter den Kommunisen war das Leben für die Vertreter des Nomadenstammes hier kein Zuckerlecken.“

„Ich mochte einfach daran erinnern“, bemerkt Nadeschda Demetr, „dass die Tschechoslowakei während des Krieges eines der wenigen Länder war, in dem die Romabevölkerung praktisch völlig vernichtet wurde und in welchem die Roma-Frauen sterilisiert wurden. Ja, gewiss, das taten die Higlerleute. Warum aber wurden auf den Gebeinen der von ihnen in Lety getöteten Roma schon in der Nachkriegszeit eine Schweinefarm und in Hodonin ein Touristenhotel gebhaut? Warum rissen die örtlichen Behörden den Gedenkstein für die Gefangenen des Konzentrationslagers in Lety, den eine Gruppe von Roma errichtet hatte, ab? Die Einstellung zu den Roma als einem geistig minderwertigen Volk, einem Volk von Verbrechern und Gaunern besteht im demokratischen Tschechien. Ja doch, die Roma sind, wie man so sagt, keine unschuldigen Schäfchen. Was stößt sie aber dazu, sich gegen das Recht zu vergehen? Beschäftigungslosigkeit, die über dem Landesdurchschnitt liegt. Dabei gibt es in Tschechien nicht wenig auch gebildete Roma, sozusagen aus der Middle class. Aber sie lernen nicht die Muttersprache, haben sich völlig assimiliert. Offenbar wissen sie noch, dass einst ihre Dokumente den Vermerk ‚R‘ trugen. Und sie wollen nicht auffallen, verbergen die Zugehörigkeit zu ihrem Stamm, ihren Brüdern. Die Tschechen wünschen es nicht, den Roma gegenüber tolerant zu sein, ekeln sich vor ihnen. Über diese hässliche Krankheit seiner Mitbürger war sich Vaclav Havel klar. Einmal kam er zu einem Romafestival, um die Roma demonstrativ zu unterstützen. Und jene vergalten es ihm, als sie bei den Präsidentenwahle fünf Prozent der Stimmen abgaben.“

Nach den Angaben von Prof. Dr. Demetr leben in Europa beinahe acht Millionen Roma, die meisten in Rumänien, Bulgarien, Tschechien und der Slowakei. Bis zu 60 Prozent von ihnen sind Analphabeten, über 80 Prozent arbeitslos, und über 90 Prozent (schreckliche Zahlen!) leben unter der Armutsgrenze. Die Europäische Union erklärte die Jahre 2005 – 2015 für eine Dekade der Roma, es werden hohe Geldmittel zwecks ihrer Adaption in der Gesellschaft ausgegeben. Das wirkt sich auf die Gesinnung der Skinheads in keiner Weise aus, die jederzeit zu Romapogromen bereit sind. Und es kommt vor, dass die in Bezug auf ihre Rechte hilflosen Roma auf Gewalt mit Gewalt reagieren.

Ist nicht die Notwendigkeit herangereift, die Roma irgendwie auf staatlicher Ebene „einzurichten“?

„Die Idee eines Romastaates ist eine absolute Utopie“, findet Prof. Dr. Demetr. „Völlig logisch wäre es dagegen, sie im EU-Rahmen als eine ‚transnationale Minderheit‘ anzuerkennen. Nicht ihre Reisen zu stören, zumal das in Frankreich z.B. den nomadisierenden Roma erlaubt ist. Dort gibt es modern eingerichtete Plätze für Romalager, Wasser, Elektrizität, kleine Wohnwagen. In Tschechien dagegen und in anderen osteuropäischen Ländern steht diese für die Roma gewohnte Lebensweise unter Verbot. Und noch eins: Es muss Toleranz anerzogen werden. Wissen Sie, ich habe eben mit Schrecken in einer Fernsehsendung aus Ceske Budejovice ein Transparent gesehen, das von Rassisten getragen worden war: ‚Tschechien für Tschechen!‘ Vor vielen Jahren hatte ich in Pardubice einen Marsch der Kahlköpfe erlebt. Sie hatten die gleiche Losung getragen. Es ist wohl so, dass sich in Tschechien nichts verändert…“
http://german.ruvr.ru/

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