Sinti und Roma stehen im Fokus rassistischer Anfeindungen. Befeuert werden diese noch durch Publikationen selbsternannter Experten

Seien es nun menschenverachtende Plakate der NPD, aufgebrachte Diskussionen bei Facebook oder Demonstrationen von Neonazis: Sinti und Roma stehen im Fokus rassistischer Anfeindungen. Befeuert werden diese noch durch Publikationen selbsternannter Experten wie Rolf Bauerdick. Mit dessen breit besprochenem Buch „Zigeuner.
Begegnungen mit einem ungeliebten Volk“ setzt sich Michael Lausberg in einem Gastbeitrag für Netz-gegen-Nazis.de auseinander.

Von Michael Lausberg

Im Zuge der EU-Osterweiterung 2007 kam es zu einer verstärkten Zuwanderung aus Südosteuropa, darunter auch Roma, vor allem in deutsche Städte wie Berlin, Duisburg, Dortmund oder Mannheim. Seitdem bemühen sich selbsternannte Roma-„Experten“ aus der Mehrheitsgesellschaft wie Rolf Bauerdick, der bundesdeutschen Öffentlichkeit allgemeingültige Wahrheiten über die größte europäische Minderheit in einem essentialistischem Sinne näher zu bringen. In seinem Buch „Zigeuner. Begegnungen mit einem ungeliebten Volk“ kommt Bauerdick in weiten Teilen nicht über die deskriptive Ebene hinaus und zementiert sogar jahrhundertelang tradierte Stereotypen über Sinti und Roma innerhalb der deutschen Bevölkerung.

Die Benutzung des Begriffs „Zigeuner“ im Titel stellt schon „eine Provokation“ dar. Für Bauerdick ist der Terminus „Zigeuner“ ein „ehrenwerter Begriff“ (Bauerdick, 2013, S. 166 – alle Zitate in der Folge ebd.), der von ihm bekannten Roma selbst verwendet wird. Bauerdick schließt somit aus einigen Beispielen daraus, dass Roma insgesamt selbst „Zigeuner“ genannt werden wollen. Dass eine kleine Minderheit dies als Selbstbezeichnung wählt, ist unumstritten. Von der überwiegenden Mehrheit wird der Terminus jedoch als diskriminierendes Konstrukt der Dominanzgesellschaft zurückgewiesen. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, die Rom und Cinti Union aus Hamburg, die Roma-Union aus Frankfurt am Main, der Rom e.V. aus Köln und der Verband Amaro Drom aus Berlin lehnen die Fremdbezeichnung „Zigeuner“ als rassistisch ab und verweisen auf die Geschichte des Begriffs vor allem im Nationalsozialismus. Die Sinti Allianz Deutschland aus Köln, deren Vorsitzende Natascha Winter von Bauerdick ausführlich zitiert wird, akzeptiert die Bezeichnung, wenn das Wort „Zigeuner“ von den Benutzer_innen wohlmeinend verwendet wird. Für Bauerdick sind die Bezeichnungen Sinti und Roma unter Rückgriff auf den „Roma-Experter Remmel“ lediglich „Kunstbegriffe der Political Correctness, welche die Bürgerrechtsbewegung deutscher Sinti und Roma durchgesetzt hat.“ (S. 167). Nicht näher genannte „Meinungsbildner in den Medien haben die Ächtung des Begriffs, Zigeuner‘ durch den Zentralrat weitgehend zu ihrer eigenen Sache gemacht“ und „die Sichtweise der Funktionäre zur Norm erhoben“ (S. 175). Dabei gehe es laut Bauerdick nicht um die Begriffe, sondern „um politische Macht, um gesellschaftlichen Einfluss und um unsägliche Rechthaberei“. (S. 175). Dies führe dazu, dass diejenigen Organisationen, die „bei einem Antrag auf Fördermittel den Begriff, ‚Zigeuner‘ statt ‚Sinti und Roma'“ favorisieren, „vom Geldkuchen definitiv keinen Krümel abbekommen“ (S. 180). Er beschimpft die Mitglieder des Zentralrats als „Kongreß-Roma“, die „die Diskriminierung ihres Volkes und das Elend in jenen Siedlungen beklagen, die sie selbst nur dann betreten, wenn sie von Reportern und Kameras begleitet werden“. (S. 205). Dieser „selbstgerechte(n) Empörungsclique“ unterstellt Bauerdick sogar ernsthaft Rassismus: „Der subtile Rassismus der Sinti-und Roma-Freunde besteht darin, dass sie der Gesellschaft alles, den Zigeunern indes nichts abverlangen. So verhält man sich gewöhnlich gegenüber Menschen, denen man nichts zutraut.“ (S. 206).

Bauerdick, der „weit mehr als einhundert Reisen zu Zigeunern in zwölf europäischen Ländern unternommen“ (S. 17) haben will, beklagt ein „intellektuelles Klima, in dem sich politisch Korrekte Meinungen gegen jedes Erfahrungswissen behaupten wollen“ (S. 17). Er will durch sein „Erfahrungswissen“ in autoritärer Hybris die „Akademiker“ widerlegen (S. 71). Bauerdick wendet sich gegen „Anti-Antiziganisten“, die „im Elfenbeinturm ihrer Bibliotheken nicht wissen, wovon sie reden.“ (S. 242f). Diese „Technokraten des Common Sence“ würden in der Öffentlichkeit eine „politische Korrektheit“ etablieren, die „ihre Sinti und Roma zu Funktionen ihrer moralischen Arroganz, zu ewigen Opfern eines allgegenwärtigen Ressentiments machen, das allein sie durchschauen“. (S. 256). Bauerdick benutzt in diesem Zusammenhang den Terminus „politische Korrektheit“, der ein fest etablierter Kampfbegriff der extremen Rechten ist. Ihm geht es darum, einer angeblich vorhandenen „linken“ Hegemonie in der Publizistik und Wissenschaft entgegenzuwirken, die Wissenschaftler, deren „Ergebnisse sich der Deutungshoheit und dem Meinungsumfeld des Zentralrats entziehen, (…) die intellektuelle und moralische Redlichkeit abgesprochen wird.“ (S. 182). So heißt es bei Bauerdick: „Aber wenn ich die Detektive der politischen Korrektheit als eine Rotte Trüffelschweine imaginiere, die grunzend jede Verästelung des gesellschaftlichen Unterholzes nach Verobjekterationen rassistischer Diskriminierungen durchwühlt, hat das auf mich eine besänftigende Wirkung.“ (S. 242f).

Aus fragwürdiger Perspektive

Der Hinweis auf seine jahrzehntelangen Begegnungen mit Roma verfolgt die Absicht, ihn als zuverlässigen Insider erscheinen zu lassen, um seine Glaubwürdigkeit zu stärken. Dabei ist sein Blickwinkel, wie er sich seiner zu untersuchenden Zielgruppe (Roma) annähert, höchst fragwürdig und unseriös. Bauerdick schafft es nicht, sich von den Normalitätsvorstellungen seiner eigenen westlichen Kultur zu distanzieren und Roma aus deren eigenen kulturellen und sozialen Kontext zu begreifen. Zuschreibungen, die das Eigene zum Maßstab zur Auseinandersetzung mit dem Anderen machen, durchdringen das gesamte Buch. Was Bauerdick als Realität bezeichnet, ist eine symbolische Ordnung, die von einem westlichen kulturellen Horizont geprägt ist. Die Journalistin Charlotte Wiedemann kritisiert mit Recht ihren eigenen Berufsstand: „Journalisten sehen sich als professionelle Allesversteher. Die Grenzen ihrer eigenen Erkenntnisfähigkeit zu reflektieren, passt nicht ins Berufsbild.“ (Wiedemann, 2013, S. 22). Der Ethnologe Clifford Geertz geht davon aus, sich den Standpunkt der zu untersuchenden Zielgruppe, deren Bezug zum Leben zu verstehen, und sich seine Sicht seiner Welt vor Augen zu führen. Sein Ansatz einer interpretativen Anthropologie unter Anlehnung an den Verstehensbegriff Max Webers (Weber, 1956) beinhaltet die Forderung, an fremde Kulturen keine kontextfremden Kategorien heranzutragen. Geertz will eine fremde Kultur nicht bloß von außen, d.h. als eine fremde beschreiben, sondern Lebensform und Weltbild ihrer Mitglieder von innen heraus verstehen. Hätte Bauerdick nur einen Bruchteil dieser Herangehensweise verinnerlicht, wäre schon viel gewonnen.

Bauerdick geht es darum, die These zu entkräften, dass die Mehrheitsgesellschaft immer nur die Täter stellt und die Minderheit immer die Opfer. Auf die Fragen, wer diese These überhaupt aufgestellt hat und warum sie angeblich hegemonialen Charakter besitzt, geht er nicht ein. Bauerdick behauptet sogar, dass „die Zigeuner weit weniger von den Gadsche als von den Angehörigen des eigenen Volkes ausgebeutet werden“. (Bauerdick, 2013, S. 14, alle Zitate in der Folge ebd.). Er bemängelt in homogenisierender Sicht die angeblich fehlende Eigenverantwortung zur Verbesserung ihrer Situation: „Nach ungezählten Begegnungen in über zwanzig Jahren erinnere ich kaum einen Rom, der für die Wurzel seiner Misere ein Stück Verantwortung bei sich selber gesucht, geschweige denn gefunden hatte.“ (S. 14). Er spricht von „selbstverlorenen Menschen“, die nicht fähig dazu seien, „den verhängnisvollen Teufelskreis aus Entwurzelung, Verwahrlosung und Abhängigkeit aus eigener Willenskraft zu unterbrechen“. (S. 57). In ihrem „selbstmitleidigem Erstarren“ (S. 307) und ihrem „lethargischen Fatalismus“ (S. 293) sähen sie sich in der „Rolle des ewigen Opfers“. (S. 307).

In diesem Zusammenhang bedient Bauerdick das alte antiziganistische Ressentiment, dass Sinti und Roma an ihrer Situation selbst schuld seien. Dieser Vorwurf der Mehrheitsgesellschaft der Minderheit gegenüber reicht in Deutschland vom 16. Jahrhundert (Aventinus, Muenster, Camerasius usw.) bis in die Gegenwart und besitzt eine entlastende Funktion für die Mehrheitsgesellschaft, sich nicht mit ihren eigenen rassistischen Denkstrukturen auseinandersetzen zu müssen.

In provokanter Ausführlichkeit

In der Folge präsentiert Bauerdick Roma hauptsächlich als Täter_innen und bringt immer wieder das Verhalten Einzelner mit ihrer Ethnie in Verbindung. So werden Roma pauschal Faulheit und Sozialmissbrauch zugeschrieben: „Dass sie nicht arbeiten und in den Tag hineinleben, dass sie auf eine kärgliche Fürsorge spekulieren und immer neue Kinder zur Welt bringen, das alles ist gewiß ein Problem.“ (S. 84). Die Verknüpfung des Themas Kriminalität mit Roma zieht sich durch das gesamte Buch. So erfahren die Leser_innen von „organisierten (…) Diebesbanden in Westeuropa“ (S. 261), „Schlepperbanden“ (S. 208), „Wucherern“ (S. 208), der Organisation „manche(r) Roma-Sippen in mafiösen Strukturen“ (S. 275), und Diebstählen, Vergewaltigungen und Morden ungarischer Roma (S. 158ff), in provokanter Ausführlichkeit.

Das Betteln von Roma vor allem in westeuropäischen Großstädten wird entindividualisiert und stattdessen wahlweise von einer „ziganen Bettlermafia“ (S. 227), „organisierten Bettelnetzwerke(n)“ (S. 261), oder „Bettelclans“ (S. 208), gesprochen. Betteln wird in diesem Zusammenhang als eine Art Geschäft mit dem Mitleid dargestellt; eine bettelnde Romni wäre laut Bauerdick „mutiert zu einem Bettelautomaten, den man morgens abstellte und abends abholte, um das Münzfach zu leeren“. (S. 268). Dass niemand aus Berufung bettelt, wird hier überhaupt nicht diskutiert.

Bauerdick dient als Multiplikator des alten antiziganistischen Ressentiments der Vormodernität und Primitivität der Roma. In einer Unterüberschrift des 4 Kapitels heißt es: „Bulgarien. Mit einem Bein im Mittelalter.“ (S. 77). Dort gebe es eine „rückständige Armut“ und „Menschen, die noch nicht einmal im 20. Jahrhundert angekommen schienen“. (S. 78). Eine Romni beschreibt er folgendermaßen: „Maria war ein Mensch, äußerlich verwahrlost, ja sogar verwildert.“ (S. 275), Der antiziganistische Topos des Nomadentums wird ebenfalls transportiert, wenn Bauerdick von „Wanderzigeuner(n)“ berichtet. (S. 79)

Bauerdick spricht sogar von „Eigenarten zigeunerischen Identität“ (S. 337), d.h. er schreibt Sinti und Roma unabhängig vom Individuum unveränderliche Wesenszüge zu. Das ist Rassismus pur.

Exotismus und Romantizismen

Mit der Zuwanderung aus Südosteuropa, darunter auch Roma, vor allem in deutsche Metropolen setzt sich Bauerdick nur am Rande auseinander. Er stellt die Zuwanderung in einer Semantik der Gefahren dar, die mit einer angeblichen Belastung und Überforderung der betreffenden Städte einhergehen. Er wirf den Zuwander_innen vor, den deutschen Sozialstaat auszunutzen: „Die Anmeldung eines Gewerbes bei den Ordnungsämtern dient dazu, die Aufenthaltsbeschränkungen zu umgehen und für die Familien das Anrecht auf Zahlung von Kindergeld zu erwirken.“ (S. 209) In Dortmund „überschwemmten hunderte bulgarische Prostituierte den Straßenstrich“ (S. 178), wobei „nicht nur (…) Prostituierte, zu einer Belastung des sozialen Klimas (wurden), auch die Männer, die auf den Plätzen und Bürgersteigen rund um den Nordplatz den öffentlichen Raum in Beschlag nahmen“. (. 210), Durch die Zuwanderung wäre die Nordstadt, wo proportional viele Migrant_innen leben, „an eine Grenze gestoßen“ (S. 219).

Eine entscheidende Schwäche des Buches liegt darin, dass er für Zitate oder andere Behauptungen keine Nachweise erbringt. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit des Autors und untermauert die These, dass Bauerdick eine subjektive Darstellung über Roma vorlegt, die von Exotismus und Romantizismen nur so strotzt.

Bauerdicks Buch sorgte wenig überraschend beim Zentralrat Deutscher Sinti und Roma für Empörung. Herbert Heuss, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Zentralrats, sprach von einem „Amoklauf der politischen Unkorrektheit“. Die Tatsache, dass Bauerdick die Verbrechen einzelner Roma mit ihrer Ethnie in Zusammenhang bringe, erinnere ihn an die Parolen extrem rechter Parteien.

Begeistertes Echo aus der extremen Rechten

Dass Heuss mit seiner Analyse nicht Unrecht hatte, zeigen die Reaktionen der extrem rechten Publizistik auf Bauerdicks Buch. Dort wurden seine Thesen begeistert aufgenommen und Bauerdick als Stichwortgeber ihrer menschenverachtenden Haltung gegenüber Migrant_innen im Besonderem und Sinti und Roma im Allgemeinen gesehen.

So titelte der islamfeindliche Internetblog Politically Incorrect unter der Überschrift „Zigeuner wieder Politkorrekt“: „Und es geht nicht nur um das Wort ‚Zigeuner‘, sondern um den ganzen politkorrekten Mist, der sich seit vielen Jahren bei den ‚mental herausgeforderten‘ linken Sprach- und WeltverbesserInnen auftürmt. Selber schuld, wer sich solchen Diktaten beugt.“ Die rechte Preußische Allgemeine Zeitung hob besonders Bauerdicks Engagement gegen „politische Korrektheit“ hervor: „(…) das, was er schreibt, ist nicht nur für Rose, sondern auch für die politisch Korrekten ein Schlag in ihre Weltanschauung, die der Autor übrigens in einem Kapitel seziert und zugegeben auch der Lächerlichkeit preisgibt. Bauerdick kritisiert Soziologen, die behaupten, Wahrsagen, Diebstahl, Betteln, Heimatlosigkeit und Religionslosigkeit seien antiziganistische Konstrukte.“

In der extrem rechten Zeitschrift „Sezession“, die dem Institut für Staatspolitik nahe steht, bezeichnete Ellen Kositza Bauerdicks Werk als „das Sachbuch des Jahres“ (Vgl. zu Kositza Lausberg, 2013, S. 313f), da „Bauerdick nicht vom Katheder doziert“, sondern „die Leute, (…) ihre Lebensumstände, ihre Riten und Praktiken aus erster Hand“ kennt: „Seine Einlassungen sind so erfahrungssatt, ja, authentisch, daß man ihm glaubt.“ Laut Kositza müsse man „nicht nur blind, sondern böswillig sein, um Bauerdick Ressentiments zu unterstellen“. Bauerdick durchbräche das „Schweigegebot“, dass „eine seriöse Debatte über die haarsträubenden Zustände in und rund um Zigeunersiedlungen, die mehr und mehr Raum einnehmen und längst in Deutschland um sich greifen, aus dem öffentlichen Raum verbannt“ werde. Kositza hofft, dass sich dies mit diesem Buch ändern wird. Bauerdick rede „Tacheles“ und nehme „kein Blatt vor den Mund“. Dem „großen, herzlichen Zigeunerfreund“ Bauerdick gehe es nicht „ums Schüren einer Angst vor den Zigeunern, er betont seine Angst um die Zigeuner“. Bauerdick wolle in seinem Buch „gleich drei Hühnchen (…) rupfen“. Erstens mit „den Zigeunern“, die als „Opfergruppe“ in „nahezu homogener Sturheit jede Selbstverantwortlichkeit für ihre Umstände von sich weisen“ würden. Zweitens mit den „in Europa herrschenden wirtschaftlichen und politischen Systemen“, die nach dem Zusammenbruch des Kommunismus die Not „der Zigeuner“ mitverschuldeten. Drittens gilt es das „dickste Huhn (…) zu rupfen mit der ‚anti-antiziganistischen Zigeunerlobby‘ wie Romani Rose und antirassistischen Wissenschaftler_innen, die sich mit dem Antiziganismus auseinandersetzen, die „die Zigeuner zu Opfern einer rassistischen ‚Dominanzgesellschaft'“ machen und sie „zu Objekten ihrer akademischen Fürsorge“ bestimmen würden. Es fehle der „Druck“ die „grassierende Apathie unter den Zigeunern“, die „sich am Riemen zu reißen“ hätten, zu beenden. Nicht die zum Teil jahrhundertelange Sklaverei, die politische und rechtliche Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaften sind also schuld an der Situation der Roma, sondern ihre angeblich fehlende Eigeninitiative. Diese Standpunkte sind typisch für viele Angehörige der Mehrheitsgesellschaft: mit der Verweis auf die Schuld der Roma müssen eigene Schuldanteile und das eigene antiziganistische Weltbild nicht hinterfragt werden.

Stichwortgeber aus dem bürgerlichen Spektrum

Das grundlegenden Aussagen Bauerdicks geben der extrem rechten Jungen Freiheit (JF) Steilvorlagen für ihre hetzerische Berichterstattung über (Sinti und) Roma. In Bauerdick scheint die JF endlich einen Autor aus dem bürgerlichen Spektrum gefunden zu haben, der nach außen glaubwürdig genug erscheint und sie nur noch ihre eigenen antiziganistischen Aussagen zuspitzen müssen.

Die JF stellt die Zuwander_innen aus Rumänien und Bulgarien homogenisierend als „Zigeuner“ dar, die als „Sozialschmarotzer“ den deutschen Sozialstaat belasten würden. (JF 9/2013, S.1f) In wohlstandchauvinistischer Manier wird die Zuwanderung in einer Semantik der Gefahren gesehen. Die „Armutseinwanderung“ der „Zigeuner vom Volk der Roma“ wäre eine „tickende Zeitbombe“, die nur aufgrund der Sozialleistungen in die Bundesrepublik kämen, was „Wohlstandseinbußen auch für die eigenen Bürger“ bedeuten würden. Die JF will eine „Debatte um die Grenzen der Solidargemeinschaft“ anstoßen und die „Realität ungesteuerter Masseneinwanderung in die Sozialsysteme“ verhindern. Die JF macht die „kommunalen Funktionäre“ für die „Wanderungswellen“ verantwortlich: „Sie scheinen als gottgegebenes Schicksal hinzunehmen, daß sich Hunderttausende ohne jede Rechtfertigung aus abgelegenen Winkeln Europas aufmachen, um ihnen auf der Tasche zu liegen.“  Die volle Freizügigkeit für Arbeitnehmer_innen aus Rumänien und Bulgarien ab Beginn des Jahres 2014 wird als Bedrohungsszenario dargestellt, da „man vom kommenden Jahr an mit Pro-forma-Arbeitsverhältnissen für die dreimonatige Mindestdauer erst recht den Schlüssel zur Sozial-Bonanza finden“ würde. Rassistische und wohlstandschauvinistische Äußerungen von Anwohner_innen werden relativiert: „Und schon steht der autochthone Nachbar, der unter der ungefragt aufgezwungenen Konfrontation mit Chaos, Vermüllung, Kriminalität und anderen Kehrseiten eines wieder mal einfach so zugelassenen Kulturimports leidet und sich womöglich sogar beschwert, in der Schmuddelecke und verstummt lieber.“

Zum Autor:

Michael Lausberg, Politikwissenschaftler und Publizist, Dr. phil, studierte Pädagogik, Philosophie, Politikwissenschaften und Neuere Geschichte sowie den Aufbaustudiengang Interkulturelle Pädagogik an den Universitäten Aachen, Köln und Amsterdam. Er promovierte an der RWTH Aachen mit einer Arbeit mit dem Titel „Die extreme Rechte in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Regelmäßige Veröffentlichungen im Migazin, DISS-Journal, bei Kritisch Lesen und in der Tabula Rasa.

Bibliografische Angaben

Bauerdick, R.: Zigeuner. Begegnungen mit einem ungeliebten Volk, München 2013

Geertz, C.: From the Native’s Point of View: On the Nature of Anthropogical Understanding, San Francisco 1974 und Deep Play’: Notes on the Balinese Cockfight, New York 1972

Geertz, C.: Thick Description: Toward an Interpretative Theory of Culture, New York 1973

Lausberg, M.: Biographische Angaben zu einigen extrem rechten Publizist_innen in: Kellershohn, H. (Hrsg.): Die „Deutsche Stimme“ der „Jungen Freiheit“. Lesarten des völkischen Nationalismus in zentralen Publikationen der extremen Rechten, Münster 2013

Weber, M.: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, 4. Auflage, Tübingen 1956

Wiedemann, C.: Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben. Oder: Wie Journalismus unser Weltbild prägt, Köln 2012

JF 9/2013

http://www.netz-gegen-nazis

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