Das Geschäft mit der Angst: Die Bettler-Kampagnen des Boulevards

BETTLER-KAMPAGNEN DES BOULEVARDS

Analyse: Wie Linz in der Kronen Zeitung plötzlich zur „gesetzesfreien Zone“ und „Hochburg der Bettler“ wurde.

Die Nummer zog – schon in Graz und Salzburg. Mit Anti-Bettler-Kampagnen macht die „Kronen Zeitung“ in ihren Länderausgaben mobil.
Seit Mai ist Linz an der Reihe – und für die „Oberösterreich-Krone“ war die Landeshauptstadt prompt eine „Hochburg der Bettler“, eine „gesetzesfreie Zone“ voller „betrunkener Punks und herumziehender Profi-Bettlerbanden“.
Die Zutaten zur Kampagne sind da wie dort die gleichen: der Aufbau von Bedrohungsszenarien, Angstmache und die Unterstellung, dass Bettler und Kriminelle zwangsläufig ein und dasselbe wären.
Umsicht und Verantwortung gehören nicht dazu: „Bettler-Kind als Taschendieb in Linz“ titelte die Krone etwa am 23. Mai. Im Blattinneren wurde unter der Überschrift „Bettler-Bosse schickten Kind zum Stehlen auf die Landstraße“ die Geschichte eines vermeintlich seiner Geldbörse bestohlenen Linzers erzählt.
Die Polizei sei zwar rasch zur Stelle gewesen, „vom Mini-Ganoven und seiner Mutter fehlte aber jede Spur“.
Nicht aber von der Geldbörse: Denn der angeblich Bestohlene zog seine Anzeige wieder zurück – er hatte die Geldbörse offenbar nur verlegt, wie die Krone vier Tage später verschämt am Ende eines Artikels nachreichte. Also doch kein „Mini-Ganove“ – auch wenn er so gut in die Kampagne gepasst hätte.

Keine Zunahme an Bettlern


Dass Bettler aus Ost- und Südosteuropa auf Linzer Straßen unterwegs sind, steht außer Zweifel.
Ebenso, dass etliche Geschäftsleute und vor allem ihre Kunden genervt sind, wenn rund um den Geschäftseingang organisierte Bettlergruppen lungern.
 Die Zahl der Bettler habe in Linz allerdings nicht zugenommen, sagt Oberösterreichs Landespolizeikommandant Andreas Pilsl.
 Wie erklärt sich dann eine solche Kampagne? „Populistische Kampagnen, die auf die Gefühlsebene abzielen, sind ein Marketingkonzept der Krone“, sagt der Linzer Kulturwissenschafter Walter Ötsch. „Damit will die Zeitung Leser an sich binden.“
Dass sich das nicht mit einer realen Zunahme an Bettlern deckt, sei für den Boulevard nebensächlich.
„Bis ein Politiker Zusage macht“
„Wenn man Angst verbreitet, bindet das offensichtlich“, sagt der Wiener Medienwissenschafter Fritz Hausjell.
„Mit verantwortungsvollem Journalismus hat das natürlich nichts zu tun.“ Auch er erinnert an die Kampagnentradition, an die die Krone jetzt offenbar wieder anknüpfen wolle. „Die Zeitung greift ein Thema auf und beschließt, dieses Thema ein paar Wochen zu spielen –
am Ende gibt es dann ein Manifest, oder ein Politiker muss irgendeine Zusage machen.
„
Schon vor ihrer aktuellen Kampagne in Oberösterreich hatte sich die Krone mit Anti-Bettler-Berichten Rügen des Österreichischen Presserates eingehandelt.
Die Zeitung habe mit mehreren – im Jänner 2014 erschienenen – Artikeln gegen den „Ehrenkodex der österreichischen Presse“ verstoßen, entschied der Presserat im April.
So habe etwa der Artikel „Die fiesen Tricks der Bettler-Mafia in Salzburg“ Vorurteile geschürt, es sei zu Pauschalverunglimpfungen gekommen.
 Drei weitere Male beanstandete der Presserat mangelnde Recherche.
http://www.nachrichten.at/oberoesterreich/

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