Diese andere Art Familienalbum

cover-was bleibt

Simone Schönett
Ein Blick ins jüngste Werk der Künstlerin Marika Schmiedt.

Seien es frühe Malereien, die Dokumentarfilme »Eine lästige Gesellschaft« (2001), »Vermächtnis. Legacy« (2011), und »Roma Memento. Zukunft ungewiss« (2012),
oder die – zuletzt in Linz umstrittenen – Grafiken »Die Gedanken sind frei«, Marika Schmiedt (Jahrgang 1966) visualisiert und spiegelt in fast allen ihren Arbeiten Auswirkungen der Vergangenheit auf Gegenwart und Zukunft der Roma.
So wie sich künstlerische Arbeit von Biografie selten trennen lässt, empfiehlt es sich bei dieser Künstlerin das Einzelwerk nicht völlig separiert vom Gesamtwerk zu betrachten.
Zwar verdeutlicht jedes herausgelöste Einzelwerk für sich allein schon die Tragweite ihrer politischen Kunst. Dennoch sei es angeraten, sich das bisherige Werk von Marika Schmiedt im Ganzen anzusehen. Nicht nur wegen dessen hoher Qualität, sondern auch ob der Referenz der Arbeiten zueinander; diese übergreifende Zusammengehörigkeit erschließt sich am besten »im Ganzen« – auch im großen historischen Ganzen.
In dem Sinn plädiere ich dafür, Marika Schmiedts Schaffen in einer großen Werkschau zu präsentierten und rufe dringend dazu auf, ihr diese auch bald auszurichten!

»Was bleibt. Fragmente einer fortwährenden Vergangenheit«. Unter diesem Titel steht ihre jüngste Arbeit, und ist nicht nur ein Ausstellungsprojekt, das derzeit im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands noch bis zum 12. März 2015 zu sehen ist, sondern auch und vielmehr eine in Buchform vorliegende Publikation. Etwas Gewichtiges.
Ein Katalog, möchte man auf den ersten Blick meinen. Doch mitunter reicht ein Begriff allein, um einen aufs Glatteis zu führen. Wer meint, Schmiedts »Katalog« sei so etwas wie die übliche begleitende Schrift zu einer Ausstellung, irrt. Denn der so genannte Katalog ist das Werk. Dass darin allerdings das »Katalogisieren« – eine Art Lieblings-beschäftigung der Nazis – durchaus eine Rolle spielt, liegt auf der Hand; wie immer bei Marika Schmiedt ist es die Wahrnehmung des Betrachters, die entscheidet – auch dabei, wie man »Was bleibt. Fragmente einer fortwährenden Vergangenheit« nun genau nennen mag.
Ich meine, es ist ein Lese-Buch. Eines, das geprägt von Visualität und Interaktion, beim Lesen Genauigkeit abverlangt. Und das in sich Stoff genug für eine ganz große Erzählung birgt.

Im Zentrum der Geschichte steht eine österreichische Lovara-Familie.
Die erzählte Zeit erstreckt sich über 133 Jahre, beginnend im Jahr 1881, endend am 8. April 2014, dem internationalen »Roma-Tag«.
Ausgangsland ist Österreich, zu Beginn noch K&K-Monarchie, dann Erste Republik, dann Ständestaat, dann Nationalsozialismus, und am Ende Zweite Republik. Ausgangsort der Geschichte ist die Gemeinde Kirchstetten in Niederösterreich.

In Kammersdorf wird Franz Berger am 2. April 1881 geboren, wird katholisch, wird zum Pferdehändler. Macht Marie Klementina Adlersburg, geboren am 4. April 1884 in Wien, dann zur Pferdehändlersgattin. Die später als Marie Berger sechs Kinder, 1903 Hermine, 1905 Josef, 1907 Josefa, 1909 Amalia (Mali), 1910 Leopold, 1912 Franz, zur Welt bringen wird.

Ohne jetzt auf den näheren Inhalt und den weiteren Verlauf einzugehen: Es handelt sich bei den Hauptpersonen der »Geschichte« nicht um fiktive Figuren, sondern um reale Protagonistinnen und Protagonisten. Franz und Marie Berger sind die Urgroßeltern der Künstlerin, deren Tochter Amalia (Mali) ihre Großmutter. Uns begegnen hier Menschen, die Marika Schmiedt, 1966 geboren, möglicherweise noch im hohen Alter erleben hätte können – wären sie nicht auf Grundlage der nationalsozialistischen Rassenideologie als Roma erfasst, angehalten, deportiert und ermordet worden.

Mit »Was bleibt. Fragmente einer fortwährenden Vergangenheit« hat Marika Schmiedt ein narratives Gedenkwerk geschaffen, das formal so einzigartig ist, dass sich dafür – und das ist gut so! – schwer eine Bezeichnung finden lässt. Es ist ein Katalog, ein Lesebuch, eine Chronik, ein Gedenkwerk – aber eben auch ein, wie ich es nenne: Familienalbum. Allerdings eines, das sich doch deutlich von dem unterscheidet, was man sich üblicherweise darunter vorstellt. Eines, in dem sich Familie in Dokumenten, Listen, Fotos, Korrespondenzen, Effektenkarten und Häftlingspersonalkarten, Revierkarten aus den Konzentrationslagern Buchenwald und Ravensbrück, Sachsenhausen, Mauthausen, Dachau, Auschwitz-Birkenau, Vermessungsdaten aus der »Reichshygienischen und kriminalbiologischen Forschungsstelle des Reichsgesundheits-amtes« zeigt. Und es unterscheidet sich darin, wie lange dieser Todesschatten reicht, bis in die Gegenwart hineinreicht. Eine Familie, die Spur um Spur, Mensch um Mensch, in aller Brüchigkeit hier wieder zusammengesetzt wird.
Als Erinnerungswerk. Und als Mahnmal.

Dieses Familienalbum der Künstlerin ist – und das ist der zentrale Punkt – Ergebnis einer jahrzehntelangen und akribischen Suche, die mit der nach Schmiedts Großmutter begann (»Eine lästige Gesellschaft«, 2001), und nun mit »Was bleibt. Fragmente einer fortwährenden Vergangenheit« in einer Form vorliegt, welche deutlich die »historische Lücke« im kollektiven Erinnern bezeugt, die bezeichnend und exemplarisch ist für den gesellschaftlichen Umgang mit Roma – zu jeder Zeit.
Auch die Biografien und Verfolgungsgeschichten von Schmiedts Familie wären unerinnert geblieben, dem Vergessen und somit letztlich der völligen Auslöschung anheim gefallen, ohne ihre Ausdauer und Anstrengung, diese, wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen aufzuspüren. Schmiedt zeigt mit diesem Album zwar einen persönlichen aber dennoch exemplarischen Spiegel der Zeit; sie personalisiert gleichsam Historie und Zeitgeschehen und macht sichtbar, was von ihrer, einer Roma-Familie blieb.
Insofern steht das Werk unbedingt nicht bloß für ein privates, sondern vielmehr auch für ein kollektives Gedächtnis. Und eben dies ist Marika Schmiedts große Leistung – und ihr Vermächtnis.

Faszinierend (nicht nur für mich als Schriftstellerin) ist das Narrativ der Künstlerin – es folgt weder gängigen Kriterien noch speist es übliche Erwartungen, nicht in dem, was sie erzählt, und auch nicht, in dem, wie sie es tut: Individuelles wird hier zum Kollektiven, Privates wird zu Öffentlichem, Öffentliches zu Privatem, Einzelgeschichte zu Zeitgeschichte. Und ihr »Erzählfaden« hält. Weil sie Fragmente erzählen lässt und nicht oder nur sehr sparsam kommentiert. Weil es das Material ist, das sie sprechen lässt – und zwar für sich selber sprechen lässt. Weil es ihr gelingt, die ganze unfassbare Tragweite von Verfolgung, Erfassung, Deportation, Arbeitslager, Vernichtungslager und Ermordung exemplarisch an ihrer Familiengeschichte »lebendig« zu machen.

Marika Schmiedts »Was bleibt, Fragmente einer fortwährenden Vergangenheit« führt einem – genaues Lesen vorausgesetzt – eine ganze Welt vor Augen, die sich aus so genannter historischer Wahrheit, Roma-Zeitgeschichte und zeitgenössischer Realität zusammensetzt, aus Signaturen und Zeichen und Codes zusammensetzt, eine Welt, in der nur als real gilt, »was immer schon reproduziert ist. Hyperreal.« (Jean Baudrillard).
In dem Werk setzt die Künstlerin einer Welt, die sich, nicht nur in Bezug auf Roma, aber hier ganz besonders, nur noch aus reproduzierter Wirklichkeit speist, eine bewusste Verlangsamung entgegen, die sich, schon historisch, aus dem Material ergibt. Das ist nicht nur ein widerständiger Akt gegen die Verhältnisse, sondern auch formal äußerst zeitgenössisch, wie sich auch an der erzählerisch-visuellen Handschrift der Künstlerin zeigt. Sie ist zwar verhalten, aber unverkennbar da und zeigt sich – meisterhaft – in Aufbau und Montage. Sie deutet auf vergangene und aktuelle Blind- und Taubheit hin, die sich immer nicht nur auf einer, aber auf vielen Ebenen vollzieht.
Das verlangt kritische Rezeption. Und Selbstreflexion.
Gekonnt und ungeheuerlich, wie Realität in diesem Werk aus dem »Ausgeblendeten« heraus mit einem interagiert; wie man beginnt, empathisch das Ausmaß des Unbegreiflichen an realen Menschen und deren einzigartigen Biografien und Verfolgungsgeschichten zu begreifen.
Anhand weniger Spuren, Fragmente, wird Vorstellungskraft geschürt, man beginnt, sich die Menschen dahinter »lebendig« vorzustellen.
Wie Marie Berger, die Urgroßmutter der Künstlerin. Die am Nachmittag des 12. Oktober 1938, eine »geladene Armeepistole Marke Steyr bei sich« trug, »ohne hierzu berechtigt zu sein«. Die damals 58-Jährige wird »bei ihrem Wohnwagen« festgenommen, eine »Arreststrafe« von 3 Tagen wird verhängt. Ich sehe sie – imposant, eine Realistin. Wie ihre Urenkelin, die sich heute mit den Mitteln der Kunst gegen die realen Verhältnisse stellt und uns damit die Augen öffnet für das, was fortwährt.

»Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler.« (Ingeborg Bachmann)

Dieses Zitat findet man am Ende von Schmiedts gedrucktem Werk.
Und gerade weil die Geschichte dauernd lehrt, aber keine Schüler findet, führt uns die Künstlerin immer und immer wieder totgeschwiegene und fortwährende Roma-Feindlichkeit vor Augen, Realität, die sich unter unser allen Blicken vollzog – und vollzieht.

Höchste Empfehlung! Die Publikation ist erhältlich bei: marika.schmiedt@chello.at

VERSORGERIN #105, März 2015

Was Bleibt – Fragmente einer fortwährenden Vergangenheit

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