Kirchstetten, Weinheber, Roma – zugeschnitten von der Agitpropkünstlerin Marika Schmiedt

Sehr geehrter Herr Bürgermeister!

Ich erlaube mir, Ihnen im Anhang einige Gedanken zu der Arbeit Marika Schmiedts und der aktuellen Debatte die Erinnerung an die Roma aus der Gegend um Kirchstetten betreffend zur Kenntnis zu bringen.
Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass die Auseinandersetzung alle Beteiligten und die Öffentlichkeit im Verständnis der Vergangenheit und vor allem der Gegenwart weiterbringen wird.

Mit freundlichen Grüßen

Alexandra Caruso

Marika Schmiedt ist, im österreichischen Kontext betrachtet, eine ganz besondere Künstlerin.
Ihre Kunst ist politisch und kommt dabei ohne trendige akademische Vorgaben aus. In ihren Collagen und Fotomontagen bringt sie durch den Zusammenschnitt realer Versatzstücke den heutigen Umgang mit den Roma in Europa auf den Punkt. Sie überzeichnet provokativ – die zentrale Aussage ihrer Werke trifft die Realität meist nur zu genau.

Zum anderen begibt sich Schmiedt mit ihren dokumentarischen Filmen und Ausstellungsinstallationen, wie zuletzt im Februar dieses Jahres im DÖW, auf die schmerzvolle Suche nach dem Schicksal ihrer nächsten Verwandten. Die Recherchen führten sie dabei auch ins niederösterreichische Kirchstetten, von wo ein Teil ihrer Familie herstammt.
Viele von Schmiedts Angehörigen sind während der NS-Zeit ermordet worden, andere haben die Nazi-Konzentrationslager oder – wie ihre Mutter Margit – das Fürsorgewesen im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit schwer beschadet überstanden.
Die Leiden dieser Menschen sind – bevor Marika Schmiedt es tat – niemals öffentlich thematisiert worden.

In ihrer für Kirchstetten geplanten Kunstinstallation möchte sie nun zwei Dinge zusammenführen, wobei ihr der Skandal frei Haus geliefert wird.
Die Geschichte ihrer Vorfahren stellt sie in Zusammenhang mit der Hochachtung, die dem in den Nationalsozialismus tief verstrickten Dichter Weinheber an diesem Ort heute noch entgegengebracht wird.

Mit der Persönlichkeit Weinhebers hat man in Kirchstetten seinen Frieden – und diesen hat man ganz offensichtlich nicht in Form einer kritischen Auseinandersetzung finden müssen. Hätte man sonst ein derartiges Problem, sich einer weiteren kritischen Befragung zu stellen?

Für Marika Schmiedt ist es ein Ding der Unmöglichkeit, die Geschichte ruhen zu lassen, wie Bürgermeister Horsak und die örtliche Bevölkerung es offensichtlich gerne sehen würden. Zu viel Schlimmes ist passiert, die Wunden sind nicht verheilt, viel zu viele Fragen sind offen geblieben und neuer Schrecken hat sich längst angebahnt.

Man kann sich nur wünschen, dass die berechtigte Empörung, die die Behinderung von Schmiedts Intervention im öffentlichen Raum nun hervorruft, sich nicht in einer weiteren Debatte über Weinheber, dieser abgetakelten konservativen Gallionsfigur erschöpft. Vielmehr geht es um die Geschichte der Roma in der Gegend um Kirchstetten, um deren systematische Verdrängung, für die Kirchstetten aber kein Einzelfall ist.

Die gegenwärtige Verärgerung sollte sich auch nicht in einem retrospektiven Antifaschismus erschöpfen, sondern in Auseinandersetzung mit dem Werk der Künstlerin den Blick schärfen für Kontinuitäten, für den Umgang mit den Roma in Geschichte und Gegenwart. Schließlich gibt es in Europa kaum eine zweite Bevölkerungsgruppe, die in ihrer Existenz, ich meine: an Leib und Leben, mehr bedroht wäre als die Roma.

Nicht jede Kunst verträgt es an den gesellschaftlichen Verhältnissen gemessen zu werden, die Marika Schmieds setzt es voraus.

Alexandra Caruso, Kunsthistorikerin und Provenienzforscherin

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