Ausstellung Sprache kommt vor der Tat / Words precede Actions

Die Jagdgesellschaft

Die Ausstellung bildet die Kontinuität rassistischer Diskriminierungen ab, mit
denen Roma und Sinti seit Jahrhunderten konfrontiert sind. Dabei wird deutlich vor Augen geführt, dass die Bilder und der Umgang mit dieser Gruppe vom Ausgang des Kaiserreichs bis in unsere Tage keine prinzipiellen Unterschiede aufweisen.

Untersucht werden die ungebrochenen nationalistischen Mentalitäten und die Verhaltensstrukturen gegenüber einer Minderheit, die sich in (pseudo)wissenschaftlichen Arbeiten, Zeitungsberichten, Gesetzen, Polizeiverordnungen u. s. w. des 20. Jahrhunderts manifestieren. Analysiert wird überdies die Entstehung des Rassenbewusstseins und der Bedeutungswandel des Rasse-Begriffs. Zentrale Fragen: Wie haben sich die Vorstellungen über rassistische Unterschiede verändert? Und wie hat die Geschichte die Vorstellungen über Rasse und Rassismus beeinflusst?

Weisbach-Schädel

Die Konstruktion von Rassen stammt aus der Naturwissenschaft, die im 19. Jahrhundert versuchte, das in Europa vorherrschende Klischee einer überlegenen weißen Rasse wissenschaftlich zu untermauern. Die Idee einer erblich bedingten Überlegenheit gipfelte nicht zuletzt in der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten.
Die frühen Vertreter der modernen Wissenschaft nahmen an, wie bei Hunden oder Pferden, müsste der äußerlichen Verschiedenheit der einzelnen Menschengruppen eine spezifische innere Wesensart entsprechen. Bei all diesen Untersuchungen und Darstellungen handelt es sich um willkürliche Unterscheidungen, die mehr über ihren Erfinder und dessen Zeit verraten, als über die Natur der „untersuchten“ Menschen.

Aufgrund der speziellen politischen Dimension des Gegenstandes soll eine Wissensvermittlung als kritische Wissensproduktion gestaltet werden.
Der Ausgrenzung, dem Rassismus und Diskriminierungen kann man nur aktiv entgegenwirken, wenn ein Bewusstsein für die Vergangenheit entwickelt wird.
Die dargestellten Themen mit dem sich das Projekt beschäftigt, werden außerdem
zeigen, wie sich diese im Alltag und im lokalen Raum verorten, manifestieren und artikulieren. Auf diese Weise werden historische Zusammenhänge, Geschichtsbewusstsein, Kenntnisse über Kontinuitäten, Parallelen und Verschiebungen in diesen Diskursen, sowie deren Kontext mit global-politischen Ereignissen vermittelt.

Das Design der Ausstellung besteht aus mehreren Einheiten

1. Sammlung Österreichische Nationalbibliothek / Historische Zeitungen und Zeitschriften
Zur Kontinuität rassistischer Darstellungen in den Medien: Bestehende Vorurteile und negative „Zigeuner“-Bilder wurden und werden in der Berichterstattung immer wieder bestätigt oder reproduziert. Viele der rassistischen Ressentiments sind langlebig und werden über Generationen weitergegeben. Gezeigt wird eine Dokumentation und Gegenüberstellung des rassistischen Zeitgeschehens, am Beispiel von Medienberichten aus den Jahren 1857 bis 1945.

2. Sammlung Aktenmaterial Anthropologische Abteilung, Naturhistorisches Museum Wien
Eine Zusammenstellung und Analyse verschiedener Bild und Befunddokumenten und rassenkundlichen Untersuchungen wie z.B. Messbögen und Merkmalserfassung.
Im Archivbestand der Anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums Wien befinden sich u. a. etliche »Zigeunerschädel« aus der Sammlung Augustin Weisbach (eine Herausgabe und Rückführung der Schädel wurde bis heute nicht angedacht) und Konvolute von unterschiedlichen Bild- und Befunddokumenten, die mit der Zuschreibung »Zigeuner« erhalten geblieben sind. Diese, so wie viele andere Teilbestände stellen Zeugnisse früherer Wissensordnungen und Fachauffassung dar.

Zu den bekannten »Rasseforschern« gehörte (z. B.) Augustin Weisbach (1837-1914), Wiener k.k. Regimentsarzt.
Weisbach besaß eine der größten anthropologischen Sammlungen seiner Epoche.
Er führte systematische Untersuchungen an menschlichen Schädeln und „Lebendem Material“. Es steht außer Zweifel, dass Weisbachs erkenntnisleitendes Interesse in
einem anthropologischen »Beweis« für die hierarchische Unterschiedlichkeit der »Rassen« und Geschlechter der Donaumonarchie bestand. Mit seiner Anthropologie wollte er zum einen die männliche Überlegenheit über Frauen unterstreichen, die er vorwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, in Bezug auf »die Deutschen« thematisiert; zum anderen zielte er auf die Aufstellung einer Rassenhierarchie ab, an deren Spitze »die Deutschen« standen. Die »Zigeuner« ordnet Weisbach gemeinsam mit verschiedenen Negerinnen« überhaupt in die »schwarze« Hälfte der Systematik ein.
Die Schwarzheit der Afrikanerinnen dient als Metapher für den sozialen Status österreichischer »Zigeuner«, die Weisbach damit als mindere »schwarze Rasse« klassifiziert. Mehrere der Bild-Konvolute und Messbögen sind unmittelbar auch mit den Forschungsinteressen Viktor Lebzelters, in Verbindung zu bringen.

Lebzelter, Wiener Anthropologe (1889-1936) der im Sommer 1916 im Kriegsgefangenenlager Dąbie bei Krakau, serbische „Zigeuner“ ausführlich vermaß und fotografierte. Die Fotos, aufgenommen in Profil- und Vorderansicht, dienten offenkundig dem Zweck, die anthropologischen Befunde des Autors zu stützen. Von ihm stammen thematisch sehr weit gestreute Beiträge wie z. B. auch Rassen und Kulturen in Süd und Südwestafrika. Lebzelten war bereits seit 1923 am Naturhistorischen Museum in Wien tätig, ab 1932 übernahm er außerdem die Leitung der Anthropologischen Abteilung.

3. Bild-Textmaterial zur gegenwärtigen sozialen und politischen Situation
Inzwischen trauen sich immer mehr, ihre Ressentiments offen zu zeigen und zu propagieren, auch mit Gewalt. Dass ein akuter Handlungsbedarf besteht, zeigt sich an der hohen Zustimmung zu völkischem Gedankengut, rechtsextremen Gewalttaten, Volksverhetzung und die Verherrlichung des NS-Regimes.

Fertigstellung und Präsentation: Mai 2017
Galerie Werkstatt NUU