Antje Meichsner-Radio Romarespekt #22 Die Künstlerin Marika Schmiedt

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Nazis ruling, 2017. Minister Balog suggests officially segregating Roma schools

Balog claimed that many Hungarian families living in bordering countries such as Slovakia do not send their children to Hungarian schools because “many gypsy children go there”. He added that “neither Hungarian communities nor the Hungarian government have decided whether Hungarian-speaking gypsies living outside Hungary’s borders are a burden or an asset.”

Balog also raised the question of whether an integrated school system is really the best thing for Hungary, and whether separate schools should be founded for Roma children with their own educational programs.“

Quelle: Minister Balog suggests officially segregating Roma schools

Zoltán Balog

Athens: An anti-Roma pogrom continues for a second day.

According to first information, which were published in the mainstream greek mass media, a riot occurred on Saturday, June 10, in Menidi on an anti-Roma rasist demonstration for the death of an 11-year-old pupil  by a stray bullet, durring a school end celebration. The racist mob, aprox. 1500 participants, threw Molotov cocktails at the house of a Roma family, which one of the members is suspected to be the perpetrator of the murder. The riot was the signal for a generalized pogrom against the Roma living in the area. The next day, June 11, the racist mob, aproximately 200 people attempted to attack the Roma community area during a racist rally held for the second consecutive day.  Two Roma houses in the area of Avlis in Menidi, suffered serious damages according to the Police, which proceeded to five detains. The anti-Roma pogrom continues in the absence of the anti-fascist and anti-racist…

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Begegnung mit einer Künstlerin: Marika Schmiedts Film „Warum die Wunde offen bleibt“

Von Sebastian Bubner

Begegnungen / Phantasmen

Als ich das erste Mal über Marika Schmiedts Kunst stolperte, es waren die später dann von Rassist_innen inkriminierten Linzer Plakate, war ich sofort begeistert von ihrer Bildsprache mit ihrer einfachen schnörkellosen anklagenden Beredsamkeit.
Wenn bei emanzipatorischer politischer Kunst jemand nach dem Staatsanwalt schreit, dann ist das ein Gütemerkmal. Bei Marika Schmiedt schrien viele. Es ist eine Kunst, die eingreift in die Wirklichkeit mit ihren Bildern und Texten. Es ist Kunst, die ganz in ihrer Wirkungsabsicht aufgeht, eben weil sie diese Wirkung erzielt.

Als ich das erste Mal über Marika Schmiedts Kunst stolperte, war da Sympathie, gleiche Wellenlänge. Jetzt soll ich über Marika Schmiedts Kunst schreiben. Und da schiebt sich gleich einiger Zweifel in mein Verhältnis zur Künstlerin und ihrer Kunst: Was weiß ich eigentlich über das Expertinnentum aus Erleiden? Was weiß ich über Roma, deren Selbstschutz oft auch darin bestand zu sagen: Worüber man (aus Verfolgungsgründen und aus Traumatisierung) nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
Marika Schmiedt spricht und ist unüberhörbar laut und klar. Aber drumherum, all die anderen, die es betrifft, betraf, sind still, es gibt wenige, die so beharrlich und seismisch genau sind, ein paar lernen wir in Marika Schmiedts Film kennen.

Ich kenne die Kunst und bin froh und erleichtert, dass sie da ist, ich bewundere die Künstlerin für ihren Mut im Angesicht unartikuliert schäumender faschistischer Gegenreaktion. Als sie in einem sozialen Netzwerk einen Ausschnitt aus ihrem Film teilte, war ich so glücklich, ich hätte sie umarmen mögen. Wie seltsam, hat sie mich befreit?
Ich hätte mit der Sprühflasche dastehen sollen, ich statt ihrer, dachte ich.
Aber was weiß ich eigentlich über die Roma, wie kann ich über ein unfassbar grauenhaftes Leiden etwas annähernd Kluges sagen, wenn ich es nicht nachvollziehen kann? Ich mit meiner „bildungs“bürgerlichen Dünkelherkunft, mütterlicherseits aus einer nazistischen Lehrer_innenfamilie, väterlicherseits aus einer fanatisch faschistischen plus opportunistischen Berlindynastie sowie aus einer schöngeistigen großbürgerlichen Unternehmerfamilie mit nicht ganz so klar gelagerter Täter_innenvergangenheit. Wie stehe ich zu Marika Schmiedt mit meiner Nazifamilienvergangenheit, mit meiner Kindheitslektüre von Börries von Münchhausen und Britting, diesen Nazi-Autoren (über Münchhausen schrieb jetzt Jutta Ditfurth ein sehr wichtiges Buch). Ich mit meiner zeitweisen Wertschätzung von Löns, Jünger – und auch Weinheber, den Schmiedt in ihrer autobiographischen politischen Arbeit (denn das Politische ist privat und umgekehrt) thematisiert. Wie stehe ich zum Lebenswerk von Marika Schmiedt? Verschiedene Konzepte – oder Phantasmen – bieten sich an: Wie ein Täterkind zum Kind von in Auschwitz Ermordeten? Wie ein Lernender zu einer Wissenden? Ein Gadsche zu einer Romni. Ein Künstler zu einer Künstlerin?
Ein Aktivist zu einer Aktivistin? Puzzlestück zu Puzzlestück? Komplementärkontrast? Seelenverwandt? Zwei durch Biographie und beschädigte Kindheit Versehrte und Überlebende?

Das herauszubekommen ist nicht ganz unwichtig, und zwar für jede_n, der / die vor den Plakaten Schmiedts steht, die Dokumentation liest, Schmiedts filmische Erkundungen der familiär-politischen Leidensgeschichte ansieht. Es ist schon ein Privileg, die mörderische Nazigeschichte Deutschlands und Österreichs nicht als Einschlag in die eigene Familiengeschichte, in die eigene Biographie verbuchen zu müssen. Aber bedeutet es weniger Beschädigung, wenn wir nicht zu einer Familie gehören, die durch Nazismus zerstört wurde, sondern zu einer, die zuschlug? Und im Grunde kann jede_r, der / die Marika Schmiedts Projekt zusieht, das eigene Projekt als inneren Film mitlaufen lassen, die eigene Biographiearbeit, die eigene menschenverachtende Sozialisation oder die eigene traumatisierte Versehrtheit. Rassismus ist eine Geschichte der Opfer, doch auch, politisch genauso drängend, Geschichte der Täterinnen und Täter.
Und „Mitläufer_innen“, Mitläufer_innen – wie lächerlich schon dieses Wort – waren in Nazi-Deutschland und Nazi-Österreich ganz ganz wenige. Also: Jeder und jede, im Angesicht der politischen Aushebungen Schmiedts, ist zur Selbstreflexion aufgerufen.
Jeder und jede hat eigene Leichen im Keller, beweinte und betrauerte Ermordete und Verfolgte der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft – oder: die eigenen Faschist_innen in der Familie, die sauberen Herren und Damen mit NSDAP-Parteibuch und Frontkämpferabzeichen.

„Unsere“ Geschichte: Faschismus und Roma-Holocaust

Als meine beiden Großväter, mein Stiefgroßvater und mein Großonkel im Krieg waren, als Soldaten Hitlers, da wurde Marika Schmiedts Großmutter in Ravensbrück ermordet.
Als meine Mutter 1945 bei einem „Fliegeralarm“ im Keller eines Bremer Krankenhauses zu Welt kam, da lebte die durch die Ermordung der Großmutter verwaiste Mutter Marika Schmiedts bei Pflegeeltern und wurde dort malträtiert. Ich als Kind einer Täter_innenfamilie, die peinlichst darauf achtet, sich an nichts oder zumindest immer weniger zu erinnern und und auf diese Weise, bang wird’s gehofft, weit weg von einer Verantwortlichmachung der Großelterngeneration zu rücken. Marika Schmiedt als Kind einer Familie, die von den Nazis verfolgt, zerrüttet, in Heime eingewiesen und Pflegefamilien zugewiesen (das Schicksal der Verwahrung in einem Heim und bei „Pflege“eltern erlitt sie selbst ebenfalls), einer Familie, die im Holocaust ermordet wurde. Zwei verschiedene Lebensläufe, die verschiedene Perspektiven erzeugt haben: Transgenerationale Traumata auf beiden Seiten, aber ganz verschiedene Traumata, Opfer-Erinnerungen, Täter-Erinnerungen. Ich spüre sie im Suchen Marika Schmiedts nach den Spuren, den Wunden der Roma, den Wunden ihrer Familie, ihren Wunden.
Ich spüre sie aber auch in meinen Alpträumen, in denen mich unheimliche Wehrmachtsoldaten mit gezogener Waffe überfallen, Wehrmachtsoldaten, die, wie ich spüre, Verwandte aus meiner Großvatergeneration sind. Wie zwei Puzzlestücke passen diese Biografien und Sensibilitäten zusammen. Was dem einen Leben genommen wurde, wurde dem anderen gegeben und umgekehrt: Privilegien, Sicherheit. Und dann gibt es auch Ähnlichkeit: Trauerverweigerung hier wie dort, aus Selbstschutz (das Tabu), aus Selbstschutz: Zur NS-Familiengeschichte wird da sozusagen nichts gesagt ohne die Rechtsanwält_in, das Leiden unter den Nazivätern wird nur im kleinen Kreis thematisiert und es sind eher die Frauen, die die eigenen Väter nicht sofort eiligst entschuldigen und reinwaschen. Sogar die eigenen Enkel, Neffen, Kinder, Cousins sind verdächtig, wenn sie all zu deutlich Fragen nach der Nazigeschichte der Familie stellen.

Mitgegangen, mitgefangen – und wieder mitgegangen

Ich spreche aus der Position eines im Lernprozess befindlichen Gadsche, eines Weißen mit Herkunft aus einer für Deutschland „ganz normalen“ Nazifamilie.
Die Großvatergeneration meiner Familie bestand mehrheitlich aus NSDAP-Mitgliedern, also Nazis. Nur Griffelspitzer_innen und Revisionist_innen verbreiten die Mär von der Mitläufer_in; was soll das überhaupt sein? Ist Mitlaufen bei der Hetzjagd auf Menschen weniger schlimm? Meine männlichen Vorfahren sind durchgehend in den Krieg gezogen. Mein Stiefgroßvater war Zeuge der Erschießung polnischer Kriegsgefangener durch die Wehrmacht. Vergeblich habe ich die Familie gefragt, wie es denn sein konnte, dass er „Zeuge“ wurde, ohne, selbst ein Wehrmachtssoldat, in den Massenmord involviert zu sein? Der Verdacht der Bluttat bleibt, des Kriegsverbrechens, das noch über das Verbrechen des Kriegs hinausging. Mein Großonkel trieb als Soldat Kriegsgefangene, die mit einem Gewehr ausgestattet worden waren, vor sich her, damit sie statt seiner als Kanonenfutter an der Front umkamen. Rahmungstruppen nannten die Nazi-Schinder das, und mein Großonkel fand nichts dabei. Er lachte bei dem Begriff verschmitzt. Sich fein rausgewunden. Er war Nazi bis an sein Lebensende, ein knorrig aussehender Mann mit vollem grauem, sauber gescheiteltem Haar bis in die hohen 80er.
Der Vater meines mir unbekannten leiblichen Vaters, so trug es mir inzwischen meine Familie väterlicherseits zu, war eifriger Nazi, Dynast einer Kaufmannsfamilie mit Supermarktkette (Butterbeck) in Berlin. Meinen Vater triezte die stramme Faschistenfamilie, da er, anders als seine Geschwister, statt blonden Haares schwarzes hatte. Die Schäden blieben ihm durchs Leben. Die Naziideologie feierte hin und wieder fröhliche Urständ in seinen Lebensentscheidungen.
Alle Distanzierung von meinen Nazivorfahren musste ich selbst betreiben, Familienthema war diese nie. Im Sinne von Pflicht, Dienen, preußischer Höflichkeit, einer bildungsbürgerlichen Liebe für inzwischen gründlich als Nazis oder zumindest Opportunisten dokumentierte Literat_innen (Börries von Münchhausen, Böll, Grass) einer generellen Wurstigkeit und einer War-da-was-Haltung zur Nazigeschichte der Familie bin ich imprägniert worden mit lippenbekennender Indifferenz gegenüber Faschismus. Ich schreibe das zur Klärung meiner Optik auf Faschismus und Romaverfolgung.

Mörderischer Diskurs

Das Thema der Romaverfolgung in diesem Film ist ein mit der Eindringlichkeit autobiographischen Expertinnentums vorgetragener „Komplex“ in jedem Sinne des Wortes. Komplex, das heißt: kompliziert. Komplex heißt aber auch: Die Gesellschaft hat da Komplexe. Diese Komplexe führen zu Störungen im gesellschaftlichen Ablauf, die fortwährend verniedlicht, übersehen und darin verstärkt werden.
Die gesellschaftliche Störung, ausgelöst von der Mehrheitsgesellschaft der Nicht-Roma, ist eine gewaltige. Gewohnheitsmäßige Beschimpfung von Roma, „Rahmung“ der Roma als Klischee (durch „Rahmungstruppen“?) , die dann von „wohlmeinenden“ Gadsche (=Nicht-Roma / Mehrheitsbevölkerung) benutzt wird, um Menschen einzuzirkeln, einzuzäunen, auszuschließen, zu vertreiben, zu schlagen, zu ermorden. Katastrophale Bildungspolitik, die nicht einmal mehr in der Lage ist, die gröbsten Menschenrechtsverletzungen im Bildungsbetrieb auf „rationaler“ Ebene (was ist das?) sich selbst zum Bewusstsein zu bringen.

Das ist eine der unverständlichen und durchgehenden Folgen antiromaistischer Klischees: dass Roma gar nicht erst zugehört wird. Mehrheitsmensch weiß immer schon, was ist, bevor was ist. Vorenthaltung von Bildung für Roma ist die Folge.
Roma-Kinder werden in sogenannte Praxisklassen gesteckt, wo sie das Gefühl haben müssen, abgestempelt zu sein. In einer unsäglichen „Hilfsaktion“, die sich über Österreich nach Deutschland ausbreitete, in Berlin uneinsichtig vorangetrieben von der profilneurotischen Kommunalpolitikerin Franziska Giffey, wurde Roma-Kindern das Pflanzen von Knoblauch als Bildungsalternative auferlegt; da – in einer kompletten Pervertierung des pädagogischen Auftrags – vorausgesetzt wurde, dass „diese“ Kinder „sowieso“ nicht lernen könnten. Und wer nichts kann, dem bringen wir nichts bei. Logisch. Niemand hört da das leise Surren der im Grab rotierenden Pestalozzi und Co.
Niemandem fällt der ethische Bruch mit der pädagogischen Verpflichtung auf, die zynische Umkehr der Beweislast. Denn natürlich muss immer der/die Pädagog_in nachweisen, dass der Schüler / die Schülerin etwas KANN. Wenn dem_der Pädagog_in das nicht gelingt, ist er /sie gescheitert und mit ihm/r das gesamte pädagogische System. Der_die Pädagog_in beweist qua definitionem niemals, dass das Kind nichts kann.
Eine Pädagog_in, die das versucht, verstößt gravierend nicht nur gegen Ethik, sondern gegen die eigene Existenzberechtigung als pais agogos, gegen die uralte Jobbeschreibung dieses seltsamen Berufs. Wir müssen uns da ganz klar machen, was für ein abgrundtiefer Riss durch die Gesellschaft geht, wenn die hehrsten Grundsätze der Pädagogik spielend leicht in ihr perverses Gegenteil verkehrt werden können, weil und wenn es sich um Roma handelt. Dass ist das Zeichen des Rassismus, wenn mensch die Unmenschlichkeit in der Mitte der Gesellschaft auch bei Kritik partout nicht erkennen kann und den Ausschluss und die Abstempelung schönlabert. So wie es bei Giffeys verunglücktem Import des österreichischen Projekts „Bio-Knoblauch Romanes“ (sic) geschah. In Marika Schmiedts Kindheits-Biographie wird die Präsupposition des „Du kannst nichts“ und die kriminalisierende Abstempelung eines Kindes als „Tu-nicht-gut“ in heimbehördlichen Aktenstücken dokumentiert, deren durchgehend perfide, geradezu euphorisch defizit-orientierte Gehässigkeit mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Faschismus mit Soße

Wenn mir heute der Name Weinheber begegnet, dann fällt mir Marika Schmiedts Kunstaktion von 2015 ein, eine Plakataktion mit dem langen Titel: „Futschikato –
Die verschwundenen Roma und Sinti aus Kirchstetten und der „Fall Weinheber“.
Und dann gibt es da Weinhebers Gedichtband „Späte Krone“ und der darin Michelangelo nachgedichtete Sonettenkranz, den ich als junger Student mit lyrischen Ambitionen ungeheuer kunstvoll und berührend fand. Außerdem in dem Lyrikband: das Gedicht des ausgestoßenen Wanderers, der sich ein ganzes Haus mit Familie bis in kleine Details zusammenphantasiert, in einem Brief an einen Freund, und am Ende zerplatzt die Blase, und das lyrische Ich gesteht, nichts, aber auch gar nichts, zu haben. Diese Texte fand ich, wohl beeinflusst von der offiziellen Meinung vom kunstvollen Worthandwerker, überaus gelungen, sozusagen artistisch, aber auch in der Emotion, melancholisch, heruntergetont, überzeugend.
Jetzt habe ich die Texte noch mal gelesen. Konnte ich mich so irren, im Qualitätsurteil? Zeigt sich in den zwei Gedichten aus Weinhebers „Später Krone“ Nazigeist?
Tatsächlich, bei nochmaliger Lektüre fiel die kunstvolle Sprache in sich zusammen wie schlecht gebackener Kuchen. Im Zentrum des michelangelinischen Sonettenkranzes steht bei Weinheber als Kunstbegriff der STEIN. Angestrengt, mühsam, müht sich der Künstler, aus diesem groben, großen, schweren Stein irgendein dumpfes Geheimnis zu befreien, irgend ein dunkles Schicksal. Naziarchitektur mit ihrem Fimmel für Granit und große Quader drängte sich mir auf. Das Nicht-Humane einer solchen Kunst.
Das Soziale kommt gar nicht erst ins Spiel. Die Anbetung des Schweigens (Geheimnis, Traurigkeit, Niederdrückendes). Alles ein leerer Zirkus, „Größe“ um ihrer selbst willen.
Und das Gedicht des Ausgestoßenen? Ich dachte, und da fiel es mir auf, vielleicht war Weinheber plötzlich, unbewusst, klar, dass die Fettlebe auf den Rücken der Opfer des Naziregimes nicht ewig weitergehen konnte, trotz 1000jährigen Reiches.
Er hat sich ja dann auch, Vergeltung gewärtigend, das Leben genommen. Ja, er hatte NICHTS mehr. Das sah er voraus. Daher übrigens auch das echte Sentiment, dachte ich. Aber was für ein großer Kübel weißer Tränen war das? Der Täter am Schreibtisch wird larmoyant, wenn er dran denkt, wie die Unterdrückten und Ermordeten sich irgendwann rächen könnten oder gerächt werden könnten. Der ganze Weinheber kam mir vollkommen lächerlich und nichtig vor, die literarische Recherche hatte das Ebenbild dessen ergeben, was Marika Schmiedts Kunstaktion ans Licht der Öffentlichkeit zog: einen von keinerlei Sozialität gedrückten, gedankenfreien, feigen Typen. Zu solchen scheinen die Kirchstettener ihre Kinder heranziehen zu wollen, folgt man der Benennung eines Kindergartens nach dem schriftstellernden Nazifunktionär.
Denn ein schriftstellernder Nazifunktionär, mehr war er nicht. Einen abgehalfterten Literaten nennt ihn Marika Schmiedt, aber es ist ja nie etwas abgehalftert genug, die Nazis spannen das Abgeschmackte vor ihren Tod bringenden Wagen.
www.skipgan-blahstift-spitzer.blogspot.co.at

Ausstellung Sprache kommt vor der Tat / Words precede Actions

schädel vitrine
Ausstellung 18 Mai – 1 Juni 2017

Eröffnung: 18 Mai 2017 | 19:00 Uhr
Lesung: Helga Gutwald | Der Menschenfresser-Prozess von Kaschau
Galeriewerkstatt NUU
Wilhelm Exnergasse 15
1090 Wien

Die Ausstellung zeigt, wie ein Konzept des angeblich naturwissenschaftlich gesicherten Rassenbegriffs fortgeschrieben wird, und wie stark Sprache durch rassistische Diskurse und Wissensfelder geprägt ist. Dabei wird deutlich vor Augen geführt, dass die Bilder und der Umgang damit vom Ausgang des Kaiserreichs bis in unsere Tage keine prinzipiellen Unterschiede aufweisen.
Quelle: Ausstellung Sprache kommt vor der Tat / Words precede Actions

Warum die Wunde offen bleibt

Melanie Letschnig über den neuen Film von Marika Schmiedt

 Elisabeth Brainin Marika Schmiedt Simone Schönett
Politische Kunst eckt besonders dort an, wo sie falsch verstanden werden möchte.
Die Falschversteher_innen wenden sich aggressiv gegen jene Künstler_innen, die unverblümt und durch Gesten der Aneignung fatale Missstände in der Gesellschaft aufzeigen. Bewusst lesen die Gegner_innen dieser Kunst schmerzhaft ironische Bild- und Textkommentare in eine ganz bestimmte Richtung. Aus dieser Spalte zwischen Intention der Künstlerin und Rezeption der verstandlosen Exegeten entstehen die absurdesten Geschichten. Sie erzählen von Absichten und Machtausübungen, deren politische Dimension uns alle mit Besorgnis erfüllen muss.
Marika Schmiedts Film »Warum die Wunde offen bleibt« ist so eine Geschichte.
In Oberösterreich geboren, beschäftigt sich die Künstlerin, selbst Romni, seit 1999 in ihrer Arbeit mit Historie und Gegenwart der Verfolgung von Roma und Sinti.
Der Umstand, dass diese künstlerische Auseinandersetzung spätestens dann, wenn sie im öffentlichen Raum sichtbar wird, nicht immer auf gemeinschaftliche Solidarität und parteipolitische Akzeptanz stößt, ist einer der thematischen Stränge des Films. Beispielhaft herausgegriffen sei die Dokumentation der Verhinderung eines temporären Kunstwerks Schmiedts: »Futschikato – Die verschwundenen Roma und Sinti aus Kirchstetten und der ‚Fall Weinheber‘« sollte 2015 im – im Titel erwähnten Ort in Niederösterreich – installiert werden. Bereits 1935 beginnt in Kirchstetten die Erfassung sogenannter »Gemeinschaftsunfähiger« – eine bürokratische Schikane, die der späteren Vernichtungsbürokratie und -praxis des NS-Regimes zuarbeitet. 1936 erwirbt der Ottakringer Dichter Josef Weinheber – schon 1931 erstmals in die NSDAP eingetreten und 1944 auf Geheiß von Hitler der »Gott-Begnadeten-Liste« hinzugefügt – einen Wohnsitz in Kirchstetten. Durch ein Museum, einer nach ihm benannten Brücke, einer Straße, einem Platz und einem Kindergarten ist Weinheber im Ort nach wie vor omnipräsent. Nicht präsent war Schmiedts Installation, deren Errichtung auf Anordnung des Bürgermeisters von Kirchstetten untersagt wurde mit dem Argument, dass man sich schon erinnern solle, mit der Aufarbeitung und Auseinandersetzung aber Schluss sein müsse, da die Folgegenerationen schließlich keine Schuld an den damaligen Ereignissen hätten. Unter diesen Umständen bekommt der Titel von Schmiedts Intervention – »Futschikato« – eine aktuelle, ja fast schon groteske Dimension.
Wie die Mechanismen der unbewussten und bewussten Verdrängung von historischen Ereignissen und ihres Gegenwartsbezugs funktionieren und immer noch greifen, erörtert Schmiedt in Gesprächen mit drei Interviewpartnerinnen, in denen die Diskriminierung von Roma, Sinti und Jenischen aus historischer, biographischer, psychoanalytischer und (sprach-)diskursiver Sicht verhandelt wird. Sie bilden den zweiten dramaturgischen Strang des Films. Weil auch die eigenen Lebens- und Arbeitsbiographien dieser Frauen mit der von Schmiedt formulierten offenen Wunde verwoben sind, gestalten sich diese Gespräche besonders eindringlich.
Als erstes kommt die psychosoziale Beraterin und Sintiza Anna Gleirscher-Entner zu Wort. Sie hat 2014 ein Buch mit dem Titel »Das Unaussprechliche in der psychosozialen Beratung von Sinti und Roma – Eine interdisziplinäre Einführung und praktische Hinweise für eine kultursensible Beratungspraxis« veröffentlicht.
Das »Unaussprechliche« bezeichnet in diesem Fall ein kollektives Trauma, das sich durch Tabus, Familiengeheimnisse und gesellschaftliche Stigmatisierung manifestiert. Gleirscher-Entner erklärt, wie schwierig es ist, als Betroffene öffentlich über diese Themen zu sprechen, zumal diese Courage auch innerhalb der eigenen »Sippe« aus Angst vor Konsequenzen nicht unbedingt begrüßt wird. In diesem Zusammenhang spricht die Autorin auch von der, nach ihren Schilderungen nachvollziehbaren Skepsis von Roma und Sinti gegenüber Institutionen.
Marika Schmiedt thematisiert dieses Misstrauen, indem sie – und dies ist der dritte prominente Erzählstrang von »Warum die Wunde offen bleibt« – immer wieder Fotos und Berichte aus ihrer Kinder- und Jugendzeit in diese Passage des Films einstreut, die das Bild eines eigensinnigen Mädchens zeichnen, das von Erziehungsberechtigen und Aufsichtspersonen aufgegeben wird.
Die zweite Gesprächspartnerin ist die Psychiaterin und Psychoanalytikerin Elisabeth Brainin, die den Fall Kirchstetten als prototypisch für den österreichischen Umgang mit Vergangenheiten ansieht, die von zu vielen Menschen lieber unter den Teppich gekehrt, als hervorgeholt werden. Brainin übt außerdem Kritik an mangelnder und mangelhafter Medienberichterstattung, die ebenso wie fehlende Vermittlung in Bildungseinrichtungen dazu beiträgt, ein Bewusstsein für die Wirklichkeit rassistischer Angriffe auf das Leben von Volksgruppenmitgliedern und Migrant_innen zu verhindern.
Wie sehr das Verschweigen der eigenen Herkunft und die Bezeichnung des Ichs und einer Gemeinschaft durch die unsensible Sprache Anderer das Leben von Roma, Sinti und Jenischen begleitet, ist wesentlicher Aspekt der Unterhaltung mit Simone Schönett.
Die Schriftstellerin und Kärntner Jenische spricht offen an, dass nicht nur die Rechten Diskriminierung und Stigmatisierung betreiben, sondern auch linke Intellektuelle und diskursbestimmende Betroffene nicht davor gefeit sind, die Repräsentation von Minderheiten mittels Romantizismus und Verklärung unangemessen zu verzerren.
Die Preisgabe persönlicher Lebenserfahrungen, dokumentarische Fragmente von Korrespondenzen und medialer Berichterstattung, sowie die nicht zuletzt biographisch geprägte Expertise der Gesprächspartnerinnen sind der Stoff, aus dem Marika Schmiedt die Konstitution einer Gesellschaft herausarbeitet, in der die systematische Vertreibung und Diskriminierung von Roma und Sinti immer noch europäische Politik kennzeichnet.
Und so erzählt dieser Film auch von verpassten Chancen der Mehrheitsbevölkerung, sich interessiert mit der Geschichte von Volksgruppen und selbstkritisch mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Durch die politische Analyse und Wortergreifung der Protagonistinnen wird sehr klar aufgezeigt, wo ein bewusst in die Wege geleiteter Heilungsprozess ansetzen kann: Bei der Erkenntnis nämlich, dass die historisch gewachsene Verletzung, die sich im Unbewussten und im ganz Alltäglichen der Gesellschaft festsetzt, aufgerissenen Auges untersucht und offenherzig angegangen werden muss, damit die Wunde überhaupt vernarben kann.
Versorgerin #112