Stehverbot für Roma / Standing prohibited for Roma

18.11.2011, Tschechien: Mit Stehverbot gegen Roma

„Politisch korrekte“ Vorgangsweise
Wer im tschechischen Städtchen Rotava kurz rasten will, muss stehen – weil Parkbänke abmontiert wurden. Doch auch das Stehen ist bei Geldstrafe verboten. Das alles ist ein seltsam anmutender Versuch der Behörden, auf vermeintlich „politisch korrekte“ Weise Roma und Sinti aus dem Ort zu vertreiben.
Bänke abmontiert, stehen verboten
Schaut man auf die Homepage des 3.500 Einwohnerstädtchens im böhmischen Erzgebirge, so stellt sich Rotava als eine gastfreundliche Stadt mit sympathischen Volksfesten dar. Doch von Gemütlichkeit ist im Ort selbst keine Spur – alle Bänke der Stadt sind abmontiert. Und damit niemand auf die Idee kommt sich möglicherweise anderswohin zu setzen, etwa auf Stiegen, wurde gleich ein allgemeines Sitzverbot im gesamten Öffentlichen Raum der Stadt verhängt. Und damit es sich niemand dann im Stehen „gemütlich“ macht, ist nun auch das verboten.

„Politisch korrekt“ gegen Roma

Der Grund: Es sei zu viel herumgelungert worden, zu viele Menschen hätten ihre Freizeit auf den Straßen verbracht, zu viel Lärm, zu viel Belästigung, so der ehemalige Bürgermeister von Rotava, Jan Sliva, auf dessen Initiative die neue Verordnung noch erlassen wurde. „Diese Leute haben alle behindert, man konnte nicht mehr an ihnen vorbei. Z.B. die Sanitäter haben es nicht mehr zu den Patienten geschafft, diese Leute haben einfach nicht reagiert.“ – „Diese Leute“ – damit sind in Rotava vor allem Angehörige der Roma-Minderheit gemeint. Gegen sie sollte in erster Linie dieses Sitz-und Stehverbot erlassen werden. Doch um politisch korrekt zu agieren und sich nicht dem Vorwurf der Ausgrenzung von Minderheiten auszusetzen, hat die Stadtverwaltung von Rotava ein Sitz-und Stehverbot für alle Menschen in der Stadt erlassen.

„Ausgefüllter Graubereich“ im Gesetz

Die Bewohner reagieren irritiert: „Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.“ – „Das schränkt uns total ein .“ – „Es ist verrückt, wenn ich mich auf eine Treppe setze, werde ich von der Polizei weggejagt, eine Strafe droht mir. Man hat hier keinen Platz mehr.
Wenn ich sitzen will, dann ist das doch mein Recht.“ Doch das ist kein wirklich verbrieftes Recht. Laut tschechischer Gesetzeslage ist das Sitz-und Stehverbot, wie es in Rotava bzw. auch in einer anderen tschechischen Stadt, in Litvinov eingeführt wurde, nicht gesetzeswidrig. „Mehr oder minder“ jedenfalls, schränkt der Bürgermeister von Litvinov ein: „Wir wissen, es ist ein Graubereich im Gesetz, aber wir haben halt diesen Graubereich mit unserer Verordnung ausgefüllt.“ Einzig der tschechische Verfassungsgerichtshof könnte diese lokale Regelung überprüfen und gegebenenfalls kippen. Doch er kann nicht von sich aus tätig werden. Dafür müsste jemand einmal offiziell Einspruch erhoben werden. Bisher hat dies aber keiner getan.
Von Karin Koller

Audio:
http://oe1.orf.at/artikel/291023

Standing prohibited for Roma

Those who want take a short break in the small Czech town Rotava are forced to stand – because all the benches in the park were removed. But standing is also punishable by a fine. This is all because of a bizarre attempt by the authorities to expel Roma and Sinti from the area, in a supposedly „politically correct“ manner. And just in case anyone gets the idea to sit down elsewhere in the park, for example on stairs, the authorities have also imposed a general ban on sitting in public spaces throughout the whole city. Moreover, in order to prevent anyone from standing „comfortably“, they have also forbidden the right to stand anywhere in the city. The reason: There was too much hanging around in the area, too many people have been spending their free time on the streets, too much noise, too much harassment, leading the former mayor of Rotava, Jan Sliva, to initiate the new regulation after the end of his term, which was nevertheless adopted. „These people have hindered everybody, it was impossible to pass them. For example, the paramedics could not make their way to patients, these people just would not respond.” In Rotava – „these people“- primarily stands for members of the Roma minority. This sitting and standing prohibition was directed against them from the very beginning. But in order to act in a “politically correct” manner and avoid being accused of excluding minorities, the City Council of Rotava has imposed the sitting and standing ban on all people in the city. Residents are irritated: „I do not know what to make of this“ – „This completely constrains us“ – „It’s crazy, when I sit on the stairs, I’m chased by the police and threatened with a fine. People no longer have a place here. If I want to sit, then that should be within my rights.” But this is not really a legal right. According to Czech legislation, the seating and standing ban, as introduced in Rotava and in Litvinov, another Czech town, is not illegal. „More or less“, the mayor of Litvinov argues, „We know there is a gray area in the law, but we have simply filled out this gray area with our new regulation.“ Only the Czech Constitutional Court could review and possibly overturn these local rules. But it cannot act on its own. This would require an official appeal.
So far, however, no one has lodged an appeal.

Translation by Jasmina Tumbas

6 Gedanken zu „Stehverbot für Roma / Standing prohibited for Roma

  1. this is insane.. it reads like a chapter in the American book, „1984“ by George Orwell… How can we be walking on the moon, landing on
    Venus and Mars, yet not let our brothers and sisters have a right to sit, walk and breathe..???

  2. Marika, I re-posted this incredible graphic on the romarising group. Hope that’s ok. One person asks if the ban is still in place, and if there has been an appeal. Can’t find anything further …
    Happy New Year, btw🙂

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