Interview „Weg ins Nichts“

VERSORGERIN Zeitung der Stadtwerkstatt Linz
Ausgabe April 2012

„Weg ins Nichts“

Marika Schmiedt ist Aktivistin, Filmemacherin, bildende Künstlerin und lebt in Wien. Die Auseinandersetzung mit der Situation der Roma und Sinti vor und nach 1945 bildet einen Schwerpunkt ihrer künstlerischen Arbeit. Luis Liendo Espinoza* befragt sie zu ihrem neuen Film und zur dramatischen gegenwärtigen Lage.

Du hast heuer einen neuen Film herausgebracht Roma Memento. Zukunft ungewiss?

Mein erster Film (Eine lästige Gesellschaft) war eine Spurensuche nach dem Schicksal meiner Großmutter. In Roma Memento kommt nun meine Mutter zu Wort. Der Film handelt von den Auswirkungen des Verlustes, den die Ermordung meiner Großmutter mit sich gebracht hatte. Ihre Kindheit hat meine Mutter bis an ihr Lebensende geprägt. Sie erzählt im Film, wie schlimm es für sie war, als Kind mit stetigen Anfeindungen zu leben. Es ging nicht allein um ihre Herkunft, sondern auch um das Nicht-Wissen ihrer Herkunft. Sie wurde gehänselt, in der Schule wurde sie Papua-Neger gerufen. Doch sie wusste lange Zeit nicht, weshalb sie überhaupt angefeindet wurde – dass sie eine Romni ist. Ein weiterer Teil des Films thematisiert die gegenwärtige Situation der Roma.

Du hast dafür in einem Roma-Slum in Belgrad gedreht. Was war Dein Eindruck von den Lebensbedingungen der Bewohner?

Jasmina Tumbas war als Dolmetscherin tätig, über eine weitere Bekannte bekam ich Kontakt zu einer Familie. Ich wollte mit eigenen Augen sehen, wie Roma heute leben. Es ist unglaublich, ich habe fast keine Worte dafür. Die Menschen leben zum Teil ohne Wasser, ohne Kanalisation und ohne Strom. Sie haben null Chance, keine Perspektive. Die Welt hat sie vollkommen abgeschrieben. Nicht einmal die Rettung fährt in diese Siedlungen, die weigern sich einfach dorthin zu fahren. Im Notfall muss man mit einem Privatauto ins Krankenhaus. Ich war damals im Sommer dort, aber ich habe keine Ahnung, wie man unter diesen Umständen den Winter überleben soll. Die Menschen sind zerstört und haben keine Energie mehr. Viele sind auch gar nicht mehr in der Lage, ihre Rechte einzufordern. Solche unwürdigen Zustände prägen die Menschen und nachfolgenden Generationen.
Die Leute sind dort zum Teil richtig wütend, das habe auch ich zu spüren bekommen. Sie sagten mir, dass schon viele Kameraleute bei ihnen waren, um sie zu filmen, aber sich einfach nichts verändert hat. Die Leute sind verzweifelt und wollen einfach nur weg. Ich habe dort auch eine Deutschsprechende Romni getroffen, die jahrelang in Deutschland lebte und in den Kosovo abgeschoben wurde. Sie bat mich um Hilfe, um nach Wien zu kommen. Leider konnte ich nichts für sie tun.

Der Gewalt gegen Roma scheinen heutzutage keine Grenzen mehr gesetzt zu sein.

In vielen Ländern, besonders in Osteuropa, gab es letztes Jahr wieder Pogrome gegen Roma. Wenn man die Geschichten liest und auch Aufnahmen sieht, z.b via youtube, ist es unbegreiflich. Letztes Jahr habe ich im Roma Pavillon anlässlich der Biennale in Venedig mit meinem Film Vermächtnis. Legacy, dieses Thema aufgegriffen, und das Ausmaß der Verfolgung thematisiert. In Bulgarien, Ungarn, Rumänien, Slowakei, und Tschechien werden Roma zusätzlich zu den schrecklichen Lebensbedingungen noch tyrannisiert und bedroht. Faktisch können sie sich nicht einmal an die Polizei wenden, weil Exekutive und Verwaltung von Jobbik (in Ungarn) oder anderen Rassisten durchsetzt sind. Es ist ein Wahnsinn. Es haben auch schon einige Roma-VertreterInnen in Kanada um Asyl angesucht. Der Hass gegen Roma erreicht groteske Formen. So wurde im tschechischen Ort Rotava tatsächlich ein Sitz- und Stehverbot verordnet. Das Verbot richtet sich in erster Linie gegen Roma, deren Sichtbarkeit im öffentlichen Raum unerwünscht ist. Und solche Staaten sind Teil der EU.

Ich habe den Eindruck, dass die Öffentlichkeit diese Entwicklung gar nicht mehr erkennt. Es gibt heute vielleicht mehr Berichterstattung darüber und Zugang zu Informationen im Internet. Aber es ändert nichts. Im Gegenteil, die Intervalle zwischen den schweren Attacken werden immer kürzer. Für mich ist es schrecklich und unerträglich diese Parallelen zur NS-Vergangenheit zu sehen. Fast täglich, veröffentliche ich auf meinem Blog Nachrichten, Berichte, und Videos über die Diskriminierung und Verfolgung der Roma. An der Sprache der Verhetzung und an dem Schweigen der Mehrheit hat sich nichts geändert. Ich persönlich habe keine Hoffnung. Es wird schlimmer werden. Trotzdem will ich versuchen, soviel wie möglich zu arbeiten und vor allem auch international tätig zu werden.

Wie soll man dieser Gewalt begegnen? Die gegenwärtigen Initiativen scheinen ja ins Leere zu laufen.

Das größte Problem liegt im fehlenden politischen Bewusstsein, nicht nur in der agierenden Politik  der EU-Staaten, sondern auch in den Köpfen der Menschen. Das Furchtbare ist, dass jeder sich heutzutage Szenen der Pogrome selbst auf youtube ansehen kann. Es gibt Attacken, Pogrome, Tote. Was braucht es noch? Viele Leute wissen davon, sie sind kurze Zeit betroffen, aber es gibt keine Veränderung. Die Roma haben keine Lobby. Alles ist möglich. Die Konferenzen der EU-Beamten und Antiziganismus-Forscher bringen hier auch nichts. Das Gerede von Bildung und Integration kann ich nicht mehr hören. Die Kinder werden ja auf dem Schulweg, in der Schule angegriffen oder in getrennte Romaschulen und -klassen abgeschoben. Den Begriff Antiziganismus kann ich nicht ausstehen. Woher leitet sich der Begriff ab? Von Zigeuner, es ist eine Fremdbezeichnung. Im ORF gibt es kaum Berichterstattung zu der Verfolgung der Roma. Und falls doch werden einfach Bilder von dreckigen Kindern als Schlagzeile gebracht, ohne wirklich auf die Hintergründe einzugehen. Dafür bedienen sich Sendungen, wie kürzlich Dancing-Stars, immer wieder unbedacht und gewissenlos Klischees, wie zum Beispiel: Lass die Zigeunerin in dir raus!,“ wobei das aggressive und feurige Tanzen hervorgehoben wurde. Oder, z.b. Das Geschäft mit der Liebe, wo einer der Protagonisten davon sprach, dass „Zigeuner-Blut zum Lügen verleitet.“ Wenn ich Geld hätte, würde ich die alle verklagen.

Meine Kritik richtet sich aber nicht nur gegen die Mehrheitsgesellschaft, sondern auch gegen die Roma-VertreterInnen. Im Verhältnis zum Druck und zu der existenziellen Bedrohung, gibt es kaum ernsthafte Forderungen. Das Ausmaß der Gewalt wird verdrängt oder ignoriert. Die Aktivitäten vieler Roma-Organisationen entsprechen einfach nicht der tatsächlichen Notwendigkeit der Auseinandersetzung. Das Leben der Roma ist bedroht. Roma in Österreich, die was zu sagen hätten und es auch relativ problemlos könnten, versagen hier reihenweise. Entweder gehen sie mit den Forderungen der Mehrheitsgesellschaft konform, wie z.b. stattlich geförderte Knoblauch- oder Gurkenanbauprojekte als Roma-Selbsthilfe, oder tragen nichts Ernsthaftes zur Debatte bei. In Österreich bin ich eine der wenigen politischen Roma-KünstlerInnen und versuche hier aktiv zu werden, doch von den hiesigen Roma bekomme ich kaum Unterstützung, sondern ganz im Gegenteil: meine kritischen Auseinandersetzung und Arbeit wird ignoriert, angegriffen und nicht erkannt. Es ist ermüdend, weil ich mich ständig wiederholen muss, aber es bleibt mir nichts anderes übrig, als weiter zu machen.

Alle Anstrengungen müssen sich jetzt einmal darauf richten, eine Situation zu schaffen, wo die Menschen zumindest keine Angst mehr um ihr Leben, um das Leben ihrer Kinder haben müssen. Dann geht es auch darum, diesen unzumutbaren Lebensbedingungen etwas entgegenzusetzen. Dies sollte man aber nicht allein den betroffenen Staaten überlassen, hier braucht es EU-weite Regelungen. Dies betrifft auch die Abschiebung von Roma aus den westlichen EU-Staaten nach Osteuropa. Die Roma werden in Regionen abgeschoben, wo es absolut keine Chance auf ein „normales“ Leben gibt und sie massiven Anfeindungen ausgesetzt sind. Das ist ein Weg ins Nichts – Zukunft ungewiss.

 *Luis Liendo Espinoza ist freier Autor und lebt in Wien

19.04.2012 – 19:30 Uhr  Linz, Stadtwerkstatt, Kirchengasse 4
ROMA MEMENTO. Zukunft ungewiss?
Anschließend Marika Schmiedt im Gespräch mit Luis Liendo Espinoza.


3 Gedanken zu „Interview „Weg ins Nichts“

  1. Marika, I wish such eloquence was not needed. But it is, and your analysis is the best I have read. Thank you. I do hope one day to see the film you created. Wien is not my favorite place in the world, but it sure would be worth the trip, just to meet you, at last.
    In solidarity
    czad

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