Kirchstetten, Weinheber, Roma – zugeschnitten von der Agitpropkünstlerin Marika Schmiedt

Sehr geehrter Herr Bürgermeister!

Ich erlaube mir, Ihnen im Anhang einige Gedanken zu der Arbeit Marika Schmiedts und der aktuellen Debatte die Erinnerung an die Roma aus der Gegend um Kirchstetten betreffend zur Kenntnis zu bringen.
Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass die Auseinandersetzung alle Beteiligten und die Öffentlichkeit im Verständnis der Vergangenheit und vor allem der Gegenwart weiterbringen wird.

Mit freundlichen Grüßen

Alexandra Caruso

Marika Schmiedt ist, im österreichischen Kontext betrachtet, eine ganz besondere Künstlerin.
Ihre Kunst ist politisch und kommt dabei ohne trendige akademische Vorgaben aus. In ihren Collagen und Fotomontagen bringt sie durch den Zusammenschnitt realer Versatzstücke den heutigen Umgang mit den Roma in Europa auf den Punkt. Sie überzeichnet provokativ – die zentrale Aussage ihrer Werke trifft die Realität meist nur zu genau.

Zum anderen begibt sich Schmiedt mit ihren dokumentarischen Filmen und Ausstellungsinstallationen, wie zuletzt im Februar dieses Jahres im DÖW, auf die schmerzvolle Suche nach dem Schicksal ihrer nächsten Verwandten. Die Recherchen führten sie dabei auch ins niederösterreichische Kirchstetten, von wo ein Teil ihrer Familie herstammt.
Viele von Schmiedts Angehörigen sind während der NS-Zeit ermordet worden, andere haben die Nazi-Konzentrationslager oder – wie ihre Mutter Margit – das Fürsorgewesen im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit schwer beschadet überstanden.
Die Leiden dieser Menschen sind – bevor Marika Schmiedt es tat – niemals öffentlich thematisiert worden.

In ihrer für Kirchstetten geplanten Kunstinstallation möchte sie nun zwei Dinge zusammenführen, wobei ihr der Skandal frei Haus geliefert wird.
Die Geschichte ihrer Vorfahren stellt sie in Zusammenhang mit der Hochachtung, die dem in den Nationalsozialismus tief verstrickten Dichter Weinheber an diesem Ort heute noch entgegengebracht wird.

Mit der Persönlichkeit Weinhebers hat man in Kirchstetten seinen Frieden – und diesen hat man ganz offensichtlich nicht in Form einer kritischen Auseinandersetzung finden müssen. Hätte man sonst ein derartiges Problem, sich einer weiteren kritischen Befragung zu stellen?

Für Marika Schmiedt ist es ein Ding der Unmöglichkeit, die Geschichte ruhen zu lassen, wie Bürgermeister Horsak und die örtliche Bevölkerung es offensichtlich gerne sehen würden. Zu viel Schlimmes ist passiert, die Wunden sind nicht verheilt, viel zu viele Fragen sind offen geblieben und neuer Schrecken hat sich längst angebahnt.

Man kann sich nur wünschen, dass die berechtigte Empörung, die die Behinderung von Schmiedts Intervention im öffentlichen Raum nun hervorruft, sich nicht in einer weiteren Debatte über Weinheber, dieser abgetakelten konservativen Gallionsfigur erschöpft. Vielmehr geht es um die Geschichte der Roma in der Gegend um Kirchstetten, um deren systematische Verdrängung, für die Kirchstetten aber kein Einzelfall ist.

Die gegenwärtige Verärgerung sollte sich auch nicht in einem retrospektiven Antifaschismus erschöpfen, sondern in Auseinandersetzung mit dem Werk der Künstlerin den Blick schärfen für Kontinuitäten, für den Umgang mit den Roma in Geschichte und Gegenwart. Schließlich gibt es in Europa kaum eine zweite Bevölkerungsgruppe, die in ihrer Existenz, ich meine: an Leib und Leben, mehr bedroht wäre als die Roma.

Nicht jede Kunst verträgt es an den gesellschaftlichen Verhältnissen gemessen zu werden, die Marika Schmieds setzt es voraus.

Alexandra Caruso, Kunsthistorikerin und Provenienzforscherin

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Doron Rabinovici – An den Bürgermeister in Kirchstetten

                                                                     Samstag, 8. August 15

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Horsak,

ich las eben den Brief, den Sie an Marika Schmiedt richteten.
Marika Schmiedt arbeitet seit Jahren konsequent an einer Kunst, die sich der Erinnerung widmet. Was Sie, Herr Bürgermeister, in Ihrem Brief an Marika Schmiedt anführen, um ihr Gedenkprojekt zurückzuweisen, überrascht, weil es Ihre Entscheidung in eben jenes Zwielicht rückt, gegen das jene Kunstarbeiten wirken wollen, die gegen das Vergessen ankämpfen.

Gerade, wenn es wahr sein sollte, dass, wie Sie schreiben, die Mehrheit der Bevölkerung in Ihrer Gemeinde meint, „Erinnerung ja, aber es muss auch einmal Schluss sein mit Aufarbeitung und Auseinandersetzung“, wird klar, wie wichtig es wäre, die Bedeutung aufrichtiger Erinnerung hervorstreichen. Die Menschen in Kirchstetten, schreiben Sie, würden zu 95 % aus Folgegenerationen bestehen, womit Sie die Verantwortung dieser Nachkommen für die mörderische Geschichte abtun, doch diese Verantwortung beweist sich an dem gegenwärtigen Umgang mit dem, was geschah. Wer, was damals verbrochen wurde, ruhen lassen will, verstößt und verbannt die Roma und Sinti, die einst hier lebten, ein weiteres Mal. Wer sie nicht als Opfer würdigt, setzt ihre Auslöschung fort. Es mag schon sein, dass Ihnen Zeitzeugen berichteten, die heimische Bevölkerung wäre mit den Roma und Sinti gut ausgekommen, doch eben jener Teil der heimischen Bevölkerung, der ermordet wurde, kann dazu nichts mehr sagen.

Allein die Tatsache, nach siebzig Jahren noch immer nichts getan zu haben, um derer zu gedenken, die einst in Ihrem schönen Kirchstetten lebten, beweist, wie wichtig es wäre, das Gedenkprojekt zu verwirklichen. Aber wie merkwürdig klingt es, wenn Sie sich „strikt gegen die Titulierung ‚dunkles Kapitel der Ortsgeschichte’, oder ‚die besondere Rolle, die Kirchstetten bei der Umsetzung des Nationalsozialismus, sowie der maßgeblichen Beteiligung am Holocaust der Roma spielte’, verwahren“. War das Kapitel denn nicht ein dunkles? Gehört es etwa nicht zur Ortsgeschichte? Noch kruder Ihre Worte: „Fast jede Stadt, Gemeinde oder Ortschaft in fast ganz Europa war Ort solcher Gräueltaten und es waren viel zu viele daran beteiligt.“ Glauben Sie tatsächlich, die Städte in Italien, in Frankreich, in Dänemark, in Griechenland, in Bulgarien, in England waren ähnlich an diesen Massenmorden beteiligt wie jene innerhalb des sogenannten Deutschen Reichs? Die Mär vom unschuldigen Österreich ist längst nicht mehr der offizielle Mythos der Republik. Seit Franz Vranitzky die Verantwortung vieler Österreicher hervorstrich, sollte klargestellt sein, was Österreich von vielen anderen Ländern in Europa unterscheidet.

Dennoch möchte ich an Ihrem Satz auf andere Weise anknüpfen: Fast jede Stadt, Gemeinde oder Ortschaft in fast ganz Europa stellt sich den Gräueltaten, die dort begangen wurden, und erinnert an jene, die daran beteiligt waren. Das wird getan, um einer europäischen Zukunft entgegenzugehen, die dem Massenmord eingedenk ist und die dem Rassismus und dem Genozid eine klare Absage erteilt.

Wann wird Kirchstetten bereit sein, diesen zivilisatorischen Mindeststandards genüge zu tun und an ihre ermordeten Bürger zu erinnern?

Wann wird Kirchstetten imstande sein, Josef Weinheber in seiner Zwiespältigkeit wahrzunehmen? Es geht nicht darum, die Erinnerung an den Dichter Weinheber auszublenden, doch es ist nur möglich, von seiner Lyrik zu reden, wenn nicht unerwähnt bleibt, wie er bereits 1931 der NSDAP beitrat, wie er antisemitische Hetze betrieb, die Verbrecher verherrlichte und noch 1944 von Adolf Hitler in die Gottbegnadeten-Liste aufgenommen wurde. In Kirchstetten lebte Weinheber erst seit 1936, mithin in der zwielichtigsten Zeit seines Lebens. In Kirchstetten beging Weinheber 1945 angesichts der Niederlage des „Dritten Reiches“ Selbstmord, weil er wusste, welche Schuld er auf sich geladen hatte. Es gibt gute Gründe, Weinheber zu lesen und nicht alle seine Werke abzutun. Aber wie grotesk ist es, ihm nicht bloß eine Brücke und eine Straße zu widmen, zudem ihn in einem Museum zu verherrlichen, sondern zudem noch einen Kindergarten nach ihm zu benennen, als wäre dieser Mann samt seiner blutigen Ideologie, seiner Todessehnsucht und seiner Mordverklärung ein passender Pate für einen Kindergarten, ein gutes Leitbild für Kleinkinder, ein hehres Idol für zukünftige Generationen? Dieser „Josef-Weinheber-Kindergarten“ betont auf seiner Website: „Kinder müssen Gewaltfreiheit erleben: Der Kindergarten ist ein Ort für angstfreie Entwicklung“, und: „Kinder brauchen Mitspracherecht und gemeinsam abgesprochene Regeln: Der Kindergarten ist ein Ort erfahrbarer Demokratie“. Wie kann just so einem Propagandisten des „Dritten Reiches“ ein Kindergarten gewidmet sein? Im Übrigen möchte ich beinah fragen, ob ein katholisches Land wie Niederösterreich einen Selbstmörder auch dann als Schutzpatron für eine Kinderstätte dulden würde, wenn er kein Nazi gewesen wäre. Aber ich will lieber annehmen, Weinheber sei nicht wegen, sondern trotz seiner politischen Verstrickung zum Namensvetter des Kindergartens erhoben worden. Aber das wäre schlimm genug! Wurde, wie ich der Webseite Ihrer Gemeinde entnehme, dieser Kindergarten etwa wirklich erst 2009 eröffnet? Handelt es sich also nicht um eine überkommene Ignoranz aus der frühen Nachkriegszeit? Es ist kaum zu glauben: Vor sechs Jahren, als die Republik längst begonnen hatte, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen, tat Kirchstetten, als sei Weinheber ein guter Schutzherr für moderne Kindererziehung.

Noch einmal: Es war Ihr Brief, sehr geehrter Herr Bürgermeister, der mich vor allem empörte. Nun kann es jedem passieren, in einem Schreiben einen falschen Ton zu treffen. Ich kenne Sie nicht und will nicht vorschnell urteilen. Andere, die sich an Sie wandten, appellierten zu Recht an Sie, Ihre Entscheidung gegen das Gedenkprojekt zu überdenken. Ich schließe mich dieser Forderung an, doch möchte ich Sie in diesem Zusammenhang auf einen Umstand hinweisen: Mehr als Marika Schmiedt es mit ihrer Arbeit je gekonnt hätte, sind Sie es, der mit Ihrem Brief dafür sorgte, dass nicht „Schluss sein muss mit Aufarbeitung und Auseinandersetzung“ und auch nicht Schluss damit sein kann. Durch ihre Reaktion wurde erst ruchbar, welche Gesinnung in Kirchstetten herrscht. Sie können daran nichts mehr ändern, denn je länger die Absurdität fortdauert, in einem Ort der Republik nicht des Massenmords an Roma und Sinti gedenken zu wollen, doch gleichzeitig einen Kindergarten nach Weinheber zu benennen und ihn mit einem Museum zu verherrlichen, um so klarer wird erkennbar sein, wie sehr eine Gemeinde darin versagt, sich der eigenen Geschichte zu stellen.

Noch einmal: Nicht Marika Schmiedt, Sie waren es, dem wir diesen schärferen Blick auf Kirchstetten verdanken. Ihnen obliegt es jetzt nur noch, zu entscheiden, ob Kirchstetten zu einem Sinnbild heimischer Geschichtsleugnung wird oder zu einem Markstein politischer Aufklärung und fortwährender Läuterung. Wenn Sie Ihre Ablehnung überdenken, könnte Kirchstetten das werden, was der Kindergarten zu sein anstrebt: ein Ort erfahrbarer Demokratie.

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. Doron Rabinovici

 

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Samy Teicher – An den Bürgermeister von Kirchstetten

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Horsak,

Ich schreibe Ihnen weil ich mit Ihrer Entscheidung die Kunstinstallation von Marika Schmiedt zu verhindern nicht einverstanden bin und ich Ihnen meine Argumente mitteilen möchte.

Sie schreiben “…möchte mich aber strikt gegen die Titulierung „dunkles Kapitel der Ortsgeschichte“, oder „die besondere Rolle, die Kirchstetten bei der Umsetzung des Nationalsozialismus, sowie der maßgeblichen Beteiligung am Holocaust der Roma spielte“, verwahren.
Fast jede Stadt, Gemeinde oder Ortschaft in fast ganz Europa war Ort solcher Gräueltaten und es waren viel zu viele daran beteiligt.”
Da muss ich Ihnen natürlich recht geben, es gibt unzählige Gemeinden in Niederösterreich und wohl auch in ganz Österreich, die daran beteiligt waren. Allerdings macht es einen Unterschied “Ort solcher Gräueltaten” zu sein oder frühzeitig aktiv an der Vorbereitung solcher Gräueltaten beteiligt gewesen zu sein. In der Tat müssten solche Kunstinstallationen in jedem Dorf, in jeder Gemeinde stattfinden.
Ich verstehe zwar nicht den Grund Ihrer Ablehnung, aber was doch verblüfft, ist wie es Ihnen gelingt so gegensätzliche Personen, wie den Nazidichter Weinheber, mit dem international geachteten homosexuellen Dichter W.H. Auden in Zusammenhang zu bringen und damit zu vergleichen.
Ich muss Ihnen in einem weiteren Punkt recht geben: sicher sind ein hoher Prozentsatz ihrer Wähler nach dem Krieg geboren. Sie mögen sich selber keiner Schuld bewusst sein, aber ihre Eltern oder Großeltern haben diese Zeit miterlebt und waren davon geprägt, im positiven wie auch im negativen Sinne, und haben auch ihre Kinder und Enkelkinder geprägt. Es ist daher unerlässlich den jungen Generationen ein Bild dieser Zeit zu vermitteln, welches nicht nur geprägt ist von den eigenen, oft geschönten Erinnerungen, sondern auch von Bildern der damals vertriebenen und ermordeten ehemaligen Bewohner von Kirchstetten. Nur dies kann helfen und dazu beitragen dass Empathie, Menschlichkeit und Mitgefühl für Verfolgte nicht unterdrückt werden sondern sich auch in praktischer Solidarität ausdrückt.
Ich weiss nicht ob Ihre Gemeinde Flüchtlinge aufnimmt – ihrem Brief nach zu urteilen, wohl eher nicht – aber dies ist mein Vorurteil. Denn wenn eine Gemeinde einen Strich unter die Vergangenheit ziehen möchte, bedeutet dies nichts anderes als dass sie die dunklen Flecken ihrer Erinnerung von der Gedächtnislandkarte streichen möchte. Wie wir wissen gelingt dies nicht, im Gegenteil, diese Erinnerungen manifestieren sich später in Wiederholungen und eher in ganz erschreckendem Ausmaß wieder.
Ich hoffe Sie durch diese lästigen Bemerkungen dazu zu bewegen ihren Entschluss bezüglich der Ausstellungsvereitelung rückgängig zu machen und die Kunstinstallation wie geplant stattfinden zu lassen.

Hochachtungsvoll

Samy Teicher

Dipl.- Psych. Samy Teicher
Psychoanalyse (WPV/IPA) – Psychotherapie –
Gruppenpsychoanalyse (ÖAGG)
Supervision – Coaching
email: samy.teicher@chello.at

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Elisabeth Brainin – Brief an den Bürgermeister von Kirchstetten

Dr. Elisabeth Brainin
Fachärztin f. Psychiatrie u. Neurologie
Psychoanalytikerin

 

                                                           Wien, 7.8.2015

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Horsak!

Soeben habe ich Ihr Antwortschreiben an Frau Marika Schmiedt gelesen und bin empört. Ich kann durchaus verstehen, dass man über Kunstgeschmack unterschiedlicher Meinung ist, aber Ihre Begründung für die Ablehnung der Kunstinstallation von Marika Schmiedt hat mit Kunstauffassung nichts zu tun.

Sie schreiben: „…möchte mich aber strikt gegen die Titulierung „dunkles Kapitel der Ortsgeschichte“, oder „die besondere Rolle, die Kirchstetten bei der Umsetzung des Nationalsozialismus, sowie der maßgeblichen Beteiligung am Holocaust der Roma spielte“, verwahren.“

Und weiters schreiben Sie: „Aber jetzt unser Kirchstetten als besonderes Beispiel herauszupicken und quasi nach 70 Jahren neuerlich an den Pranger zu stellen, dagegen verwehre ich mich als Gemeindeoberhaupt vehement.

Wir sind eine Dichtergemeinde und sind stolz darauf, Heimat für Kultur in all ihren Facetten und in ihrem breiten Spektrum zu sein.“

Gerade weil Sie in einer „Dichtergemeinde“ Bürgermeister sind, ist Ihre Argumentation mehr als zweifelhaft. Auden und Weinheber in einem Atemzug zu nennen, halte ich fast für blasphemisch. Weinheber ist nicht nur für seine Dichtkunst bekannt, sondern mindestens ebenso für sein bedingungsloses Engagement für den Nationalsozialismus. Auden ergriff für die Republikaner im spanischen Bürgerkrieg Partei und schrieb Gedichte gegen den Faschismus.

Sie wünschen ganz einfach nicht, dass der aus Kirchstetten deportierten Menschen gedacht werden soll! Eben weil die Bevölkerung Kirchstettens zu 95%, wie Sie schreiben aus der Nachfolgegeneration besteht, ist es überhaupt nicht zu verstehen, wieso Sie das Gedenken an die Ermordung eines Teils der Bevölkerung dieser Gemeinde durch die Nationalsozialisten ablehnen. Fühlen Sie sich schuldig, für das, was den Mitbürgern Ihrer Gemeinde angetan wurde? Kirchstetten ist deshalb ein besonderer Ort, weil dort eines Weinhebers gedacht wird, der ein glühender Nationalsozialist war, aber keinesfalls der Roma und Sinti, die aus diesem Ort verschleppt und ermordet wurden. Diese Volksgruppe wurde als „Landplage“ gesehen, die es auszumerzen galt. Sie wollen die Erinnerung an diese Menschen und ihre Ermordung durch die Nationalsozialisten, die von Teilen der Bevölkerung unterstützt oder doch zumindest gut geheißen wurde „ausmerzen“! Die „Dichtergemeinde“ ist auch eine Mordsgemeinde!

Ihre Argumentation gehört in die Schublade der 50er und 60er Jahre und ist einer österreichischen Gemeinde unwürdig!

Ich hoffe sehr, Sie überdenken Ihre Entscheidung nochmals angesichts der Proteste, die sich aus ihr ergeben werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Elisabeth Brainin

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Regarding Marika Schmiedt’s request for permission of showing her art installation in Kirchstetten

Buffalo, August 6, 2015

Dear Mayor Paul Horsak,

I was just informed that you have denied artist Marika Schmiedt the permission to exhibit her temporary art installation, “Futschikato – Die verschwundenen Roma und Sinti aus Kirchstetten und der “Fall Weinheber““ in your city. It is with great dismay that I read your letter to Schmiedt, especially your reasoning:

“Erinnerung ja, aber es muss auch einmal Schluss sein mit Aufarbeitung und Auseinandersetzung.”

What do you exactly mean when you write: “remembering yes, but there has to be an end to processing and confronting the past”? What kind of memory making of the murder and deportation of Roma and Sinti do you think is adequate? And why do you presume we should put a stop to processing and confronting this history? Lastly, and perhaps most importantly, why do you feel entitled to make such a decision on behalf of your community, and in extension, on behalf of Kirchstetten’s history?

It worries me greatly that as a leader of this Kirchstetten community, you are not supporting an artist’s engagement with the history of National Socialism in the region, especially the discrimination and murder of Roma and Sinti. While it is reasonable to fear that such critical engagement is uncomfortable and conceivably difficult to face, the erasure of that past has catastrophic consequences. As is well known, Roma and Sinti are still the most persecuted and discriminated minority in Europe. Your city has the extraordinary opportunity, if not responsibility, to confront its own past, and to do so in a way that faces even the most humiliating truths, such as the Nazi past of a celebrated poet in town, Josef Weinheber.

I would also like to note that Marika Schmiedt is one of the most important artists in Europe who deals with the history of the Roma holocaust, and whose work has been exhibited widely, including being featured in the prestigious Venice Biennial in 2011. Her work was also included in “Roma Protokoll,” an exhibition in 2011 curated by Suzana Milevska, the recipient of the 2012 Igor Zabel Award for Culture and Theory. In response to Schmiedt’s work, distinguished literary critic and theorist Gayatri Chakravorty Spivak noted that:

“Marika [Schmiedt] has made the subaltern speak, in a certain way for sure, through representation, but much more forcefully. If the subaltern is the group that cannot achieve the state – Antonio Gramsci’s classic definition – the Roma Holocaust didn’t even make it into Hannah Arendt’s insistence that the banality of evil springs from the premises of the state. The Roma Holocaust is not allowed into this widely accepted generalization. That is subalternity, not just not achieving the state, but not even achieving the record of the banality of the evil state.”

Spivak’s words speak volumes here, but most significantly, they comment on Schmiedt’s resistance to accepting the erasure of this history of violence, which has marked many families in your own community. Trauma theorist and historian Dominick LaCapra has suggested that art is a cultural form that “may even be a means of bearing witness to, enacting, and, to some extend, working over and through trauma whether personally experienced, transmitted from inmates or sensed in a larger social and cultural setting.” Even though you speak of the young generation, which you note is not responsible for the atrocities that happened more than seven decades ago, I must disagree with the implication that these generations do not need to learn about this past in a way that is confrontational and that directly involves the urgent problems of our contemporary moment. Europe as a whole still has to confront much of its violent history, especially in regard to Roma and Sinti, and the devastating conditions under which many Roma and Sinti live today. Marika Schmiedt’s installation has the potential of bearing witness to these atrocities and bringing some form of healing to your community and beyond, even if it involves facing painful truths.

I hope that you will reconsider your decision and grant Marika Schmiedt the permission to exhibit this installation in Kirchstetten.

Sincerely,

Dr. Jasmina Tumbas

Assistant Professor
Department of Art
University at Buffalo

PS: For more information on Spivak’s discussion of the exhibition “Roma Protokoll,” please consult http://igkultur.at/projekte/romanistan/making-visible.

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Futschikato – Die verschwundenen Roma und Sinti aus Kirchstetten und der „Fall Weinheber“

Das dunkle Kapitel der Ortsgeschichte

Eine künstlerische Intervention zur ambivalenten Gedenk- und Erinnerungskultur in Niederösterreich, am Beispiel der Marktgemeinde Kirchstetten.
Futschikato – Die verschwundenen Roma und Sinti aus Kirchstetten und der „Fall Weinheber“

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Feministischer Journalismus

EMMA | Das politische Magazin?
Ausgabe März/April 2015

EMMA-DILEMMA

Ausstellung Was bleibt. Fragmente einer fortwährenden Vergangenheit

Diese andere Art Familienalbum

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Simone Schönett
Ein Blick ins jüngste Werk der Künstlerin Marika Schmiedt.

Seien es frühe Malereien, die Dokumentarfilme »Eine lästige Gesellschaft« (2001), »Vermächtnis. Legacy« (2011), und »Roma Memento. Zukunft ungewiss« (2012), oder die – zuletzt in Linz umstrittenen – Grafiken »Die Gedanken sind frei«, Marika Schmiedt (Jahrgang 1966) visualisiert und spiegelt in fast allen ihren Arbeiten Auswirkungen der Vergangenheit auf Gegenwart und Zukunft der Roma.
So wie sich künstlerische Arbeit von Biografie selten trennen lässt, empfiehlt es sich bei dieser Künstlerin das Einzelwerk nicht völlig separiert vom Gesamtwerk zu betrachten.
Zwar verdeutlicht jedes herausgelöste Einzelwerk für sich allein schon die Tragweite ihrer politischen Kunst. Dennoch sei es angeraten, sich das bisherige Werk von Marika Schmiedt im Ganzen anzusehen. Nicht nur wegen dessen hoher Qualität, sondern auch ob der Referenz der Arbeiten zueinander; diese übergreifende Zusammengehörigkeit erschließt sich am besten »im Ganzen« – auch im großen historischen Ganzen.
In dem Sinn plädiere ich dafür, Marika Schmiedts Schaffen in einer großen Werkschau zu präsentierten und rufe dringend dazu auf, ihr diese auch bald auszurichten!

»Was bleibt. Fragmente einer fortwährenden Vergangenheit«. Unter diesem Titel steht ihre jüngste Arbeit, und ist nicht nur ein Ausstellungsprojekt, das derzeit im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands noch bis zum 12. März 2015 zu sehen ist, sondern auch und vielmehr eine in Buchform vorliegende Publikation. Etwas Gewichtiges.
Ein Katalog, möchte man auf den ersten Blick meinen. Doch mitunter reicht ein Begriff allein, um einen aufs Glatteis zu führen. Wer meint, Schmiedts »Katalog« sei so etwas wie die übliche begleitende Schrift zu einer Ausstellung, irrt. Denn der so genannte Katalog ist das Werk. Dass darin allerdings das »Katalogisieren« – eine Art Lieblings-beschäftigung der Nazis – durchaus eine Rolle spielt, liegt auf der Hand; wie immer bei Marika Schmiedt ist es die Wahrnehmung des Betrachters, die entscheidet – auch dabei, wie man »Was bleibt. Fragmente einer fortwährenden Vergangenheit« nun genau nennen mag.
Ich meine, es ist ein Lese-Buch. Eines, das geprägt von Visualität und Interaktion, beim Lesen Genauigkeit abverlangt. Und das in sich Stoff genug für eine ganz große Erzählung birgt.

Im Zentrum der Geschichte steht eine österreichische Lovara-Familie.
Die erzählte Zeit erstreckt sich über 133 Jahre, beginnend im Jahr 1881, endend am 8. April 2014, dem internationalen »Roma-Tag«.
Ausgangsland ist Österreich, zu Beginn noch K&K-Monarchie, dann Erste Republik, dann Ständestaat, dann Nationalsozialismus, und am Ende Zweite Republik. Ausgangsort der Geschichte ist die Gemeinde Kirchstetten in Niederösterreich.

In Kammersdorf wird Franz Berger am 2. April 1881 geboren, wird katholisch, wird zum Pferdehändler. Macht Marie Klementina Adlersburg, geboren am 4. April 1884 in Wien, dann zur Pferdehändlersgattin. Die später als Marie Berger sechs Kinder, 1903 Hermine, 1905 Josef, 1907 Josefa, 1909 Amalia (Mali), 1910 Leopold, 1912 Franz, zur Welt bringen wird.

Ohne jetzt auf den näheren Inhalt und den weiteren Verlauf einzugehen: Es handelt sich bei den Hauptpersonen der »Geschichte« nicht um fiktive Figuren, sondern um reale Protagonistinnen und Protagonisten. Franz und Marie Berger sind die Urgroßeltern der Künstlerin, deren Tochter Amalia (Mali) ihre Großmutter. Uns begegnen hier Menschen, die Marika Schmiedt, 1966 geboren, möglicherweise noch im hohen Alter erleben hätte können – wären sie nicht auf Grundlage der nationalsozialistischen Rassenideologie als Roma erfasst, angehalten, deportiert und ermordet worden.

Mit »Was bleibt. Fragmente einer fortwährenden Vergangenheit« hat Marika Schmiedt ein narratives Gedenkwerk geschaffen, das formal so einzigartig ist, dass sich dafür – und das ist gut so! – schwer eine Bezeichnung finden lässt. Es ist ein Katalog, ein Lesebuch, eine Chronik, ein Gedenkwerk – aber eben auch ein, wie ich es nenne: Familienalbum. Allerdings eines, das sich doch deutlich von dem unterscheidet, was man sich üblicherweise darunter vorstellt. Eines, in dem sich Familie in Dokumenten, Listen, Fotos, Korrespondenzen, Effektenkarten und Häftlingspersonalkarten, Revierkarten aus den Konzentrationslagern Buchenwald und Ravensbrück, Sachsenhausen, Mauthausen, Dachau, Auschwitz-Birkenau, Vermessungsdaten aus der »Reichshygienischen und kriminalbiologischen Forschungsstelle des Reichsgesundheits-amtes« zeigt. Und es unterscheidet sich darin, wie lange dieser Todesschatten reicht, bis in die Gegenwart hineinreicht. Eine Familie, die Spur um Spur, Mensch um Mensch, in aller Brüchigkeit hier wieder zusammengesetzt wird.
Als Erinnerungswerk. Und als Mahnmal.

Dieses Familienalbum der Künstlerin ist – und das ist der zentrale Punkt – Ergebnis einer jahrzehntelangen und akribischen Suche, die mit der nach Schmiedts Großmutter begann (»Eine lästige Gesellschaft«, 2001), und nun mit »Was bleibt. Fragmente einer fortwährenden Vergangenheit« in einer Form vorliegt, welche deutlich die »historische Lücke« im kollektiven Erinnern bezeugt, die bezeichnend und exemplarisch ist für den gesellschaftlichen Umgang mit Roma – zu jeder Zeit.
Auch die Biografien und Verfolgungsgeschichten von Schmiedts Familie wären unerinnert geblieben, dem Vergessen und somit letztlich der völligen Auslöschung anheim gefallen, ohne ihre Ausdauer und Anstrengung, diese, wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen aufzuspüren. Schmiedt zeigt mit diesem Album zwar einen persönlichen aber dennoch exemplarischen Spiegel der Zeit; sie personalisiert gleichsam Historie und Zeitgeschehen und macht sichtbar, was von ihrer, einer Roma-Familie blieb.
Insofern steht das Werk unbedingt nicht bloß für ein privates, sondern vielmehr auch für ein kollektives Gedächtnis. Und eben dies ist Marika Schmiedts große Leistung – und ihr Vermächtnis.

Faszinierend (nicht nur für mich als Schriftstellerin) ist das Narrativ der Künstlerin – es folgt weder gängigen Kriterien noch speist es übliche Erwartungen, nicht in dem, was sie erzählt, und auch nicht, in dem, wie sie es tut: Individuelles wird hier zum Kollektiven, Privates wird zu Öffentlichem, Öffentliches zu Privatem, Einzelgeschichte zu Zeitgeschichte. Und ihr »Erzählfaden« hält. Weil sie Fragmente erzählen lässt und nicht oder nur sehr sparsam kommentiert. Weil es das Material ist, das sie sprechen lässt – und zwar für sich selber sprechen lässt. Weil es ihr gelingt, die ganze unfassbare Tragweite von Verfolgung, Erfassung, Deportation, Arbeitslager, Vernichtungslager und Ermordung exemplarisch an ihrer Familiengeschichte »lebendig« zu machen.

Marika Schmiedts »Was bleibt, Fragmente einer fortwährenden Vergangenheit« führt einem – genaues Lesen vorausgesetzt – eine ganze Welt vor Augen, die sich aus so genannter historischer Wahrheit, Roma-Zeitgeschichte und zeitgenössischer Realität zusammensetzt, aus Signaturen und Zeichen und Codes zusammensetzt, eine Welt, in der nur als real gilt, »was immer schon reproduziert ist. Hyperreal.« (Jean Baudrillard).
In dem Werk setzt die Künstlerin einer Welt, die sich, nicht nur in Bezug auf Roma, aber hier ganz besonders, nur noch aus reproduzierter Wirklichkeit speist, eine bewusste Verlangsamung entgegen, die sich, schon historisch, aus dem Material ergibt. Das ist nicht nur ein widerständiger Akt gegen die Verhältnisse, sondern auch formal äußerst zeitgenössisch, wie sich auch an der erzählerisch-visuellen Handschrift der Künstlerin zeigt. Sie ist zwar verhalten, aber unverkennbar da und zeigt sich – meisterhaft – in Aufbau und Montage. Sie deutet auf vergangene und aktuelle Blind- und Taubheit hin, die sich immer nicht nur auf einer, aber auf vielen Ebenen vollzieht.
Das verlangt kritische Rezeption. Und Selbstreflexion.
Gekonnt und ungeheuerlich, wie Realität in diesem Werk aus dem »Ausgeblendeten« heraus mit einem interagiert; wie man beginnt, empathisch das Ausmaß des Unbegreiflichen an realen Menschen und deren einzigartigen Biografien und Verfolgungsgeschichten zu begreifen.
Anhand weniger Spuren, Fragmente, wird Vorstellungskraft geschürt, man beginnt, sich die Menschen dahinter »lebendig« vorzustellen.
Wie Marie Berger, die Urgroßmutter der Künstlerin. Die am Nachmittag des 12. Oktober 1938, eine »geladene Armeepistole Marke Steyr bei sich« trug, »ohne hierzu berechtigt zu sein«. Die damals 58-Jährige wird »bei ihrem Wohnwagen« festgenommen, eine »Arreststrafe« von 3 Tagen wird verhängt. Ich sehe sie – imposant, eine Realistin. Wie ihre Urenkelin, die sich heute mit den Mitteln der Kunst gegen die realen Verhältnisse stellt und uns damit die Augen öffnet für das, was fortwährt.

»Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler.« (Ingeborg Bachmann)

Dieses Zitat findet man am Ende von Schmiedts gedrucktem Werk.
Und gerade weil die Geschichte dauernd lehrt, aber keine Schüler findet, führt uns die Künstlerin immer und immer wieder totgeschwiegene und fortwährende Roma-Feindlichkeit vor Augen, Realität, die sich unter unser allen Blicken vollzog – und vollzieht.

Höchste Empfehlung! Die Publikation ist erhältlich bei: marika.schmiedt@chello.at

VERSORGERIN #105, März 2015

Was Bleibt – Fragmente einer fortwährenden Vergangenheit

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